Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.06.2015

427_Plötzliches Glück

Unverhofft in den Genuss angenehmer, ja vielleicht sogar erhabener Momente zu gelangen, setzt dem Leben ein mit Sahnehäubchen besprühtes Goldkrönchen auf. Mir ist neulich gleich zwei Mal solch ein plötzlicher Glücksmoment geschenkt geworden. Der erste hatte mit einem Stromausfall zu tun. Wir verbrachten die Pfingstferien wie immer in Italien in einem Haus, welches vom Besitzer gerade mit einem Internet-Zugang ausgestattet wurde. Das gefiel mir zuerst gut, doch dann wurde mir bewusst, dass auf diese Weise auch Quizduell, WhatsApp, Pinterest, Youtube, Instagram und Facebook mit uns Urlaub machten.
Ich habe normalerweise nichts gegen das Internet, wir haben Regeln dafür. Beim Essen darf niemand etwas anderes als Messer und Gabel in der Hand halten. Gut, ein Löffel geht auch noch. Aber keine elektronischen Geräte. Doch im Urlaub ist alles anders. Ständig funzte, brummte, piepste oder leuchtete irgendein Smartphone. Das riesenhafte Insekt, das ich aus dem Pool rettete, wurde zum Gegenstand ausführlicher Erörterungen in sozialen Netzwerken, nachdem Carla sein Foto gepostet hatte, und zwar unter dem Titel: „Krasses Biest: Die Kim Kardashian der Nashornkäfer.“ Nick googelte alles Wissenswerte über Nashornkäfer und erfreute uns mit dem unfassbaren Fun Fact, dass Archäologen Nashornkäferreste im Rathaus von Stralsund gefunden haben. Das Internet fing an, mir wahnsinnig auf den Geist zu gehen.
Am vorletzten Tag der Ferien gab es ein Gewitter, in dessen Verlauf ein Blitz in den Verteilerkasten der Nachbarschaft einschlug und diese von jeder Stromversorgung abschnitt. Das Internet ging nicht mehr, was unsere Tochter in eine tiefe Lebenskrise stürzte, aus der sie auch deswegen nicht herausfand, weil der Satellitenreceiver ebenfalls nicht mehr funktionierte. Kurz bevor sie aufs Dach stieg, um mit dem Regenschirm Blitze für die Stromversorgung des W-LAN-Routers einzufangen, holte ich zur Ablenkung vergammelte Brettspiele aus einer Küchenschublade. Erst spielte meine Familie unter Zwang, aber dann entwickelte sich ein traumhaft schöner Abend bei Kerzenschein, wie wir ihn schon lange nicht mehr hatten. Nichts piepste oder brummte, außer mir, als ich feststellen musste, dass sich sämtliche Mitglieder meiner Familie beim „Mensch ärgere Dich nicht“ gegen mich verbündet hatten. Das war der eine Moment unverhofften Glückes, der am nächsten Morgen endete, als der Kühlschrank laut klappernd ansprang und das Internet wieder seinen Blödsinn verbreitete.
Doch nur einen Tag später erfuhr ich dank der Bundeskanzlerin noch einen weiteren geradezu epiphanischen Augenblick totaler Zufriedenheit. Wir fuhren nämlich wieder nach Hause, wobei uns ab Innsbruck der Weg versperrt wurde. Diverse Staatschefs hielten nur wenige Dutzend Kilometer weiter ein rituelles Treffen ab. Angela Merkel hatte dazu eingeladen, auch um die Weltpolitik wieder einmal näher an die Menschen zu bringen. Wobei das mit dem Nahe heran kommen für die Menschen gar nicht so einfach war. Die G7-Gegner wurden mit stundenlangen Wanderungen zermürbt. Diese Strategie kenne ich noch aus meiner Schulzeit: Damals hatte man nach stundenlangem stumpfen Bergauf-Gelatsche auch keinen Bock mehr auf Remmidemmi. Den Autofahrern aus Richtung Italien wurde bereits auf der Brenner-Autobahn mitgeteilt, dass man die Gegend um Garmisch großräumig umfahren müsse. Ich fand das richtig, denn der amerikanische Präsident hätte mir schon sehr leid getan, wenn er zufällig beim Sommerrodeln auf mein ausdauernd über die Weltmächte schimpfendes Pubertier getroffen wäre.
Also mussten wir eine Umleitung fahren und die führte am Achensee vorbei. Da war ich noch nie. Welch ein herrlicher Platz. Alle Autofahrer fuhren ganz ganz langsam, weil es doch sehr viele Autos waren, die dorthin umgeleitet wurden, aber auch um die Natur zu genießen. Für eine wunderbare Stunde oder zwei blickten wir unverhofft ins Paradies. Wirklich. Der Achensee ist so schön, dass jeder moderne Staatschef die Gegend bestimmt gerne in seinem Geo-Portfolio hätte. Insofern war es eine umsichtige Entscheidung und ein großes Glück, dass Wladimir Putin nicht auch da war.