Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.06.2015

428_Ich bin Ed Stark

Vor ein paar Tagen haben wir mit dem DVD-Konsum von „Game of Thrones“ begonnen. Ich weiß noch nicht, ob es mir gefällt. Für alle Angehörigen der sozialen Randgruppe, die keine Ahnung haben, was „Game of Thrones“ ist: Es handelt sich dabei um eine amerikanische TV-Serie, einer Mischung aus einem Königs-Drama von Shakespeare, einem Rammstein-Konzert bei Dauerregen und der Lindenstraße. Der enorme Überraschungseffekt der Handlung besteht bisher darin, dass selbst vermeintliche Hauptfiguren recht umstandslos geköpft werden. Das ist bei aller szenischen Ähnlichkeit der große Unterschied zu einer Shakespeare-Tragödie, wo Figuren oft ausführlich monologisierend zehn Minuten lang dahinscheiden.
Was mich auf jeden Fall schon mal begeistert, ist die Sprache bei „Game of Thrones.“ Sie gefiel mir so gut, dass ich neulich abends ankündigte, den ganzen nächsten Tag genau so zu sprechen wie Lord Stark. Sara tippte sich an die Stirn. „Ich wette, das hältst Du keine zehn Minuten durch“, sagte sie. Ich hielt dagegen und wir wetteten um eine zweistündige Fußmassage. Sie dachte wohl, ich würde die ganze Sache über Nacht ohnehin vergessen, doch am nächsten Morgen weckte ich sie mit den Worten: „Weib! Nachrichten wurden am Tor der Festung abgegeben. Ich werde sie reinbringen, dann wissen wir, welche Mächte uns bedrohen.“ Dann stand ich auf und holte die Zeitung.
Wenig später saßen wir beim Frühstück. Nick wollte sich eine Erdbeere ins Müsli schnippeln, da hielt ich ihn am Oberarm fest und rief: „Halte ein, Du Narr. Wir sollten uns davor hüten, diese Beeren zu essen: Sind sie vergiftet, könnten sie uns schwach und wehrlos machen, denn ein Noro-Virus breitet sich aus im Reiche Aldi Süd. So steht es in diesem Papier.“ Sara erklärte mir, dass die Erdbeeren nicht von Aldi seien und so ließ ich es dabei bewenden und strich meinem tapferen Sohn über den Kopf. „Dann iss mein Junge und werde mutig und stark“, sprach ich. Unsere Tochter verließ fluchtartig den Esstisch.
Sara ging zur Arbeit und bat mich einzukaufen und die Mangelwäsche abzuholen. Ich rief also nach meiner Leibwache und ritt mit zwanzig Mann gegen den Nachbarort, wo ich die Tür der Wäscherei aufstieß und rief: „Ist es hier, wo ein Mann frische Laken bekommt, auf dass er sie abermals mit Schlachtenblut tränken und dem Schmutz von langen Reisen besudeln kann?“ Die kroatische Mangelfrau deutete stumm auf unseren Korb. „Auf dann, denkt an mich, wenn Ihr Lieder von Tapferkeit und Mannesstolz höret. Ich entbiete Grüße.“ Zum ersten Mal hielt sie mir nicht die Tür auf, als ich den Korb nach draußen trug.
Anschließend kaufte ich ein, und zwar für ein raues Grillgelage am Abend. Die Glut loderte, als meine Tochter nach Hause kam und einen Jungen mitbrachte, der mir bisher vorenthalten worden war. Ihr neuer Freund. Alex. Sie fragte, ob er mitessen könne und ich brummte: „Die Gäste meiner Tochter sind auch mir willkommen. Setzt Euch. Welcher Familie gehört Ihr an? Wie habt Ihr Euren ersten Toten ums Leben gebracht? Mit dem Schwert? Einer Axt? Oder mit bloßer Hand? Erzählt.“
„Also, äh. Eigentlich studiere ich Germanistik im ersten Semester“, sagte Alex.
„Ach so. Ein Gelehrter. Auch gut, wenn man jemanden benötigt, um Kindern den Gang der Sonne zu erklären oder eine Latrine zu putzen. Höhöhö!“
Carla schleuderte Blitze aus ihren Augen, Sara seufzte und Nick lachte sich schlapp. Alex reagierte insofern klug, als er gar nichts machte. Ich nahm Fleisch und Würstchen vom Grill und rief: „Zückt Eure Schwerter und stoßt sie in den Leib des Feindes, lasst Blut spritzen und reicht mir den Ketchup, wenn ich bitten darf.“ Meine Tochter bekam einen so gewaltigen Fremdschamanfall, dass ich beinahe aufgegeben hätte. Aber zum Glück sagte Sara: „Okay. Du kannst aufhören. Du hast gewonnen. Zwei Stunden Fußmassage, wenn Du sofort mit dem Quatsch aufhörst.“
„So sei es, darauf lasst uns trinken. Hoch mit den Humpen!“ Nur Nick folgte meinem Befehl. Die anderen nickten stumm. Ich glaube, Alex findet mich ein bisschen seltsam. Aber das ist mir egal. Ich habe die Wette gewonnen. Her mit dem Weib, her mit dem Sesamöl. Hohoho.