Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.06.2015

429_Bio-Amok

Es gab da vor Jahren mal einen Film, der hieß „Falling Down“. Michael Douglas spielt darin einen Mann, der ausrastet, weil er sich von seiner Umwelt tyrannisiert fühlt. Er lässt sein Auto einfach im Stau stehen, haut einen Laden zu Klump, weil ihm die Cola zu teuer ist, bedroht das Personal eines Schnellrestaurants mit einer Maschinenpistole und sprengt eine Baustelle in die Luft, weil sie ihm im Weg ist. Der Mann lässt seiner generellen Unzufriedenheit einfach mal freien Lauf. Er ist damit zum Idol all Jener geworden, die täglich im Stau stehen, überteuerte Getränke bezahlen, beim Essen schlecht behandelt werden und wegen sinnloser Baustellen ständig Umwege absolvieren müssen.
Und manchmal fürchte ich, dass auch in mir so ein kleiner Michael Douglas steckt. Ein unnachgiebiger kleinbürgerlicher Vollstrecker auf der Suche nach Recht und Genugtuung. Wäre ich das Gesetz, verwandelte sich die Welt in ein Flammenmeer der Vergeltung. Vorgestern zum Beispiel. Es begann relativ harmlos. Jemand schnappte mir den Parkplatz weg. Ich stand mit dem Auto direkt davor, blinkte und wartete darauf, dass die Lücke frei wurde. Und als sie es war, donnerte ein dunkelblaues Auto hinein. Ein älterer Mann stieg aus, ich sprach ihn durch die geöffnete Scheibe an, aber er ignorierte mich einfach.
Ich ging durch den Supermarkt und sah den Mann vom Parkplatz an der Fleischtheke stehen. Ich dachte für einen kurzen Moment daran, wie schön es wäre, im Vorbeigehen auf seine Einkäufe zu spucken. Ich machte natürlich nichts dergleichen, aber der Wunsch war da. Ich wollte gar nichts kaufen, aber ich hatte eine Schale Bio-Erdbeeren dabei. Die waren verschimmelt und ich wollte sie umtauschen. Ich suchte den Filialleiter und entdeckte ihn bei den Konservendosen, wo er dabei war, Preise auf Sonderangebote zu kleben.
Ich erklärte ich ihm die Angelegenheit mit den Erdbeeren. „Ich habe sie gestern gekauft und keine einzige gegessen. Und nun sind sie total verschimmelt,“ sagte ich. Er antwortete: „Ja. Und?“ Ich sagte: „Ich möchte sie gerne umtauschen.“ Er antwortete: „Obst vergammelt, wenn man es nicht verbraucht. Das ist der Lauf der Dinge. Was kann ich dafür?“ Ich sagte: „Ich möchte bitte diese hierlassen und frische Erdbeeren mitnehmen.“ Und darauf er: „Klar, können Sie machen. Schmeißen Sie diese Erdbeeren weg, suchen Sie sich neue aus, gehen Sie an die Kasse und bezahlen Sie sie. 3,80 Euro.“ Da wurde ich sauer: „Sie verkaufen hier vergammelte Erdbeeren und wollen sie nicht einmal zurücknehmen?“ Er blieb vollkommen ruhig, was mich erst Recht auf die Palme brachte. Er sagte: „Wenn Ihnen unsere Erdbeeren nicht gefallen, können Sie ja woanders einkaufen.“ Dann ging er weg und ließ mich einfach stehen. Ich war vollkommen perplex. Ich fühlte mich wie Michael Douglas in diesem Film.
Die toten Erdbeeren in der Hand kam mir der Gedanke, dass ich dem Typ die vergammelten Dinger eigentlich hätte ins Gesicht quetschen müssen. „Da haben Sie ihre Erdbeeren zurück“, hätte ich dabei rufen sollen. Dann hätte ich sein Gesicht mit Klebern aus der Preispistole vollgetackert. Ich hätte den Filialleiter am Kragen gepackt und zum Joghurtschrank geschleift, wo ich seinen Kopf in die Kühlung gesteckt und dann die Tür an ihm zerschmettert hätte. Danach wäre ich mit einem Einkaufswagen als Panzer in sämtliche Aktionswaren gedonnert. Ich hätte mir anstelle des Baseballschlägers, den Michael Douglas im Film verwendet ein Baguette geschnappt und damit die Regale ausgeräumt. Ich hätte Ravioli-Dosen ins Weinregal geworfen und am Ende wäre ich zurück zum Obst gegangen und hätte mir frische neue Erdbeeren ausgesucht, um dann in aller Seelenruhe das Geschäft zu verlassen.
So stellte ich mir das vor. Bin ich jetzt krank? Oder ist das normal, solange man sich derartige Exzesse nur ausmalt, aber nicht umsetzt? Am Ende machte ich gar nichts. Stattdessen warf ich die Erdbeeren vor dem Supermarkt in einen Mülleimer, fuhr nach Hause und brühte mir einen Kaffee. Ich erinnerte mich dann an den Schluss des Films. Michael Douglas erreicht überhaupt nichts mit seinem Amoklauf und wird von der Polizei erschossen. Das ist ja auch keine Lösung. Wegen ein paar Erdbeeren. Das ist ja total lächerlich.