Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.07.2015

430_Die Gegenpetition

Wenn ich charakterlich so drauf wäre, würde ich jetzt auch eine Petition starten, so ähnlich wie die Frau Finke. Das ist die Dame, die unter großer Beachtung der Medien eine an die Familienministerin Manuela Schwesig gerichtete Petition mit dem kämpferischen Titel „Bundesjugendspiele abschaffen“ gestartet hat. Meine Petition hieße jedoch „Bundesjugendspiele bitte unbedingt einmal pro Monat veranstalten.“ Ich finde nämlich, dass man die auf gar keinen Fall abschaffen darf, und zwar gerade weil ich diese Veranstaltung als Kind so leidenschaftlich gehasst habe. Was für eine öde Zeitverschwendung das war. Stundenlange Rennerei, Werferei und Springerei und am Ende gab es eine popelige Urkunde und einen Sonnenbrand. Aber man musste eben und das finde ich im Nachhinein super, denn wenn ich nicht gemusst hätte, hätte ich mich auch nicht dagegen wehren können.
Einige meiner Freunde fanden diese Wettkämpfe ebenfalls doof. Also haben wir alles unternommen, um die Veranstaltung als solche mit subversiven Späßen zu unterwandern und als Blödsinn zu entlarven. Wir ließen beim Kugelstoßen die Kugel nach hinten fallen, um zu gucken, ob man auch negative Weiten erzielen konnte (nein). Wir probierten aus, ob sich die hundert Meter auf einem Bein zurücklegen ließen (unmöglich, man fällt hin). Zum Weitsprung brachten wir Förmchen für den Sandkasten mit und beim so genannten Ausdauerlauf gingen wir plaudernd nebeneinander her und nervten die Zeitmesser, die nur wegen uns eine halbe Stunde nach den Siegern immer noch in der Sonne rumstehen mussten. Jeder von uns versuchte Letzter zu werden, was auf den finalen fünf Metern zu einem dramatischen Wettkampf im Langsamgehen ausartete, den ich nicht gewann. Ich wurde nur Viertletzter und ärgerte mich enorm darüber.
Andere Mitschüler simulierten gleich zu Beginn der Spiele Beckenbrüche oder Milzrisse und spielten den Rest des Tages Skat. Auf diese Weise nahmen sie das fundamentale Recht für sich in Anspruch, selber zu entscheiden und die Klügsten von ihnen beriefen sich dabei auf Jean-Jacques Rousseau. Der hat geschrieben: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“
Ich finde, das kann man nicht früh genug lernen. Und die Einrichtung der Bundesjugendspiele hilft sehr dabei, genau wie der leider abgeschaffte Wehrdienst, der uns die Möglichkeit gab, ihn zu verweigern. Hätte nun die Petition von Frau Finke Erfolg und die Bundesjugendspiele würden eingestellt, dann entginge den Schülerinnen und Schülern eine wichtige Trainings-Möglichkeit der Selbstbehauptung. Sie würden mir nichts Dir nichts um die Chance gebracht, ihrer Haltung einen Ausdruck zu geben, sich im Leben zu positionieren. Das muss man aber, und deshalb finde ich, dass die Bundesjugendspiele viel zu selten stattfinden.
Frau Finkes Hauptargument gegen die Bundesjugendspiele besteht darin, dass die weniger sportlichen Kinder dabei gehänselt und gedemütigt würden. Das mag schon sein, aber das werden sie auch, wenn sie beim Wandertag mit vierzig Minuten Verspätung beim Lagerfeuer ankommen. Und andere Kinder werden geärgert, wenn sie im Schultheater ihren Text vergessen. Sollen deswegen Wanderungen und Theateraufführungen auch eingestellt werden? Ich finde nicht. Man muss die Kinder im Gegenteil dazu ermuntern, die Institutionen in Frage zu stellen und sich gegen Blödsinn kreativ zu behaupten. Dafür muss es den Blödsinn aber geben. Wenn der abgeschafft wird, wogegen soll man denn dann kämpfen?
Wie so oft sind hier nicht die Kinder das Problem, sondern ihre Helikopter-Eltern, die ihnen jedes Lebenshindernis aus dem Weg räumen. Überhaupt: Eltern sind tendenziell sowas von furchtbar. Dabei denke ich gerade an diese Geschichte, wo im Winter ein Junge in den Dorfteich fällt. Die Feuerwehr wird gerufen und in einer dramatischen Aktion kann der Junge gerettet werden. Hinterher kommt seine Mutter zum Feuerwehrmann und sagt: „Sie! Haben Sie da gerade mein Kind aus dem Wasser geholt?“ Der Feuerwehrmann sagt: „Ja, das war ich.“ Und darauf die Mutter: „So. Und wo ist die Mütze?“