Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.07.2015

432_Touri-Magnet Freital

Bei einem meiner verzweifelten Versuche, dem Thema „Griechenland“ beim Fernsehen auszuweichen, landete ich vergangene Woche in einem Nachrichten-Beitrag des heute-journals. In dem kurzen Filmchen wurden Bürger einer sächsischen Gemeinde gezeigt, die leidenschaftlich gegen den Zuzug von Asylanten plädierten, und zwar unter anderem mit dem Argument, die dunkelhäutigen Fremdlinge seien allesamt „Schmarotzer“, was sich auf sächsisch noch einmal mehrere Kilogramm ekliger anhört als in jedem anderen deutschen Dialekt. Einmal in Rage geredet, äußerte eine rüstige Freitalerin zudem die Gewissheit, diese Ausländer seien nur zum Urlaubmachen in Freital.
Soso. Die ausgezehrten Afrikaner, halb wahnsinnig vor Angst und in der Heimat von Tod und Folter bedroht, kommen ausgerechnet nach Sachsen, um dort Urlaub zu machen. Das finde ich eine sehr hübsche Vorstellung. Diese Touris wollen in den Ferien endlich mal was anderes sehen als wie zuhause immer nur Wüste und Steine und Fassbomben und vermummte Terroristen, die ihnen die Kehle durchschneiden wollen. Im Vergleich dazu dient der Anblick von pöbelnden Ostdeutschen ganz sicher der Erholung. Insofern hat die Rentnerin aus Sachsen wahrscheinlich sogar Recht. Die machen hier Urlaub! Und bei der Wahl ihrer Destination haben die Afrikaner alles richtig gemacht, das muss man schon sagen. Dieses Freital hat wirklich einiges zu bieten, selbst wenn die Stadt an und für sich noch sehr jung ist. Vor nicht einmal einhundert Jahren ging Freital aus dem Zusammenschluss von so gemütlich klingenden Orten wie Potschappel, Schweinsdorf, Niederpesterwitz und Niderhäslich hervor.
Jedenfalls lockt Freital mit einem ausgezeichneten Ferienangebot, das gerade Besucher aus afrikanischen Krisengebieten zu gefallen weiß, denn es ist ja bekannt, dass diese für ihr Leben gerne mit dem Zug fahren. Nicht ohne Grund absolvieren sie lange Bahnreisen, die sie von Süditalien über Verona bis nach Rosenheim führen. Und für diese exotischen Eisenbahnfans, man kann schon sagen: für diese Gleis-Afficionados ist Freital wirklich die beste Adresse. Im Dreistundentakt verkehrt nämlich täglich die älteste dampfbetriebene Schmalspurbahn Deutschlands zwischen Freital und Dippoldiswalde.
Nun sagt der syrische Familienvater: „Nach so einer Fahrt haben wir doch erst einen Urlaubstag rum. Aber wir bleiben ja länger, was machen wir denn morgen?“ Na was wohl? Auf zur Windbergbahn! Das ist die älteste Gebirgsbahn Deutschlands, die zwar nicht mehr fährt, aber angeguckt werden kann. Dasselbe gilt für die erste elektrische Grubenlok der Welt, die in Freital besichtigt werden kann. Und wer höher hinaus möchte, kann zwar nicht in einem Ballon fahren, aber sich das Grab der allerallerersten deutschen Ballonfahrerin ansehen. Wilhelmine Johanna Sigmundine Reichardt startete im neunzehnten Jahrhundert zu nicht weniger als 17 Fahrten im Heißluftballon. Das entlockt dem Schwarzafrikaner ein anerkennendes Zungenschnalzen, wenn er vor dem Grabstein der Ballonpionierin steht, welcher sich auf dem Döhlener Friedhof auf ausländischen Besuch freut.
Wer etwas länger bleibt, amüsiert sich glänzend bei der alljährlichen Karnevalsparade oder an Ostern beim Mittelaltermarkt auf Schloss Burgk. Dort gibt es Händler und Marktfrauen und historische Getränke sowie Ritterspiele, bei denen hautnah spürbar wird, wie rau doch die Sitten im Mittelalter waren. Das wissen speziell die irakischen und syrischen Besucher zwar bereits von zuhause, aber in Sachsen ist das Kopfabschlagen nur Show und findet gar nicht wirklich statt. Entspannung und Amüsement für die Touristen aus dem Süden sind also quasi programmiert.
Vermutlich finden die Freitaler diesen Text unverschämt, schließlich wohnen nicht nur dumpfe Trottel und Rechtsradikale in diesem Vorort von Dresden. Ganz bestimmt sogar nicht. Es sah nur so aus. Lügenpresse halt. Geschämt habe ich mich trotzdem, auch für meinen allerersten Gedanken beim Anblick dieser entsetzlich bösen Oma. Ich dachte auf Anhieb: Leute, wir brauchen ganz dringend einen antifaschistischen Schutzwall.