Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.08.2015

435_Das Verwesen der Dinge

Ich habe gelesen, dass viele Gegenstände genau nach Ablauf der Garantiezeit aufhören zu funktionieren. Die Pfeffermühle klemmt, der Hammerkopf löst sich vom Griff, das Bügeleisen dampft nicht mehr. Die Industrie konstruiert Konsumgüter absichtlich so und es gibt einen Fachbegriff dafür. Er lautet „geplante Obsoleszenz“. Bei elektrischen Zahnbürsten habe ich das schon mehrfach erleben dürfen. Man kann sie nicht selber öffnen und reparieren. Niemand kann das. Wenn sich die eingebaute Batterie nicht mehr laden lässt, ist das Teil Schrott. Ein Kirschentkerner, der achtzig Jahre lang klaglos funktioniert, wäre heute völlig undenkbar. Insofern hatte ich Glück, dass mein Laptop magische acht Jahre durchhielt. Dann verstarb es ohne jeden Abschiedsgruß.
Ich wollte es reparieren lassen. Also brachte ich das Ding zu Apple. Das ist, als würde man Urlaub in einem Ashram für Psychopathen machen. Ich betrat das Geschäft und ging auf eine Service-Theke zu, hinter der ein bärtiger Mann stand. Ich grüßte und er fragte, ob ich einen Termin habe. Ich verneinte und er erklärte mir, dass er in diesem Fall nicht mit mir reden könne. „Warum nicht?“, fragte ich. „Weil du keinen Termin hast,“ antwortete er. Ich sagte: „Aber hier steht außer mir kein Mensch an, ich nehme niemandem seinen Termin weg.“ Der Bärtige sagte: „Solange du keinen Termin in der Genius-Bar machst, kann ich dir nicht helfen.“ „Was ist die Genius-Bar?“ fragte ich. „Diese Theke,“ sagte Bart. Es war wie bei Kafka. „Und wo mache ich diesen Termin? Kann ich diesen Termin bei Ihnen machen?“ Er schüttelte Kopf und Bart. Man könne online einen Termin verabreden. Also nahm ich mein Telefon, googelte Apple, googelte die Genius-Bar und buchte in einer endlosen Prozedur einen Termin. Der Bartmann sah mir dabei zu. Anschließend lief ich neun Minuten lang durch das Geschäft und wurde Zeuge, wie Apple etwas mehr als zwei Millionen Euro verdiente. Dann ging ich zurück zur Genius-Bar.
Ich grüßte und der Typ mit dem Bart sah nach, ob ich einen Termin hatte. Dann stellte er fest, dass die Festplatte meines uralten weißen Laptops beschädigt sei. Oder das Motherboard sei kaputt. Das Wort „Motherboard“ gefiel mir und ich fragte, ob ein kaputtes Motherboard auf ein ödipales Problem des Rechners hindeute, welches man mit einer Verhaltenstherapie im Apple-Ashram lösen könne. Aber der Bärtige hatte keinen Humor. Er stellte fest, dass sich eine Reparatur nicht lohne und überstellte mich an einen noch humorloseren Kollegen, der mir ein neues Macbook verkaufte.
Zuhause packte ich das Ding aus und nahm es in Betrieb. Und es ist seltsam. Als ich vor acht Jahren das alte Macbook kaufte, kam ich mir vor wie ein Revolutionär; da war ich irgendwie Teil einer gut gelaunten Bewegung, die von Cupertino aus die Welt zu einem besseren Ort machen wollte. Aber das neue Laptop fühlt sich nicht mehr revolutionär an, nicht einmal sympathisch. Da kann es mich duzen, so viel es will. Es meint mich gar nicht, es meint nur sich selber mit seiner anbiedernden Hey-Du-da-Sprache.
Wahrscheinlich liegt es am Motherboard. Es sendet Schwingungen aus, die mir nicht gefallen. Ständig soll ich mich bei Apple für irgendwas anmelden, dauernd soll ich etwas von mir preisgeben und Teil einer Community sein, die angeblich mein Leben optimieren, aber in Wahrheit bloß ihren langweiligen Ramsch bei mir loswerden will. Ich glaube, ich lebe nicht mehr gerne in der Apple-Welt. Die Revolution scheint ihnen obsolet geworden zu sein.