Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.08.2015

436_Urlaubstipps

Die Deutschen verreisen wie noch nie. Es ist daher gut möglich, dass Deutschland momentan leicht zu erobern wäre, denn wenn niemand da ist, kann keiner unser Zuhause gegen Eindringlinge verteidigen. Und damit meine ich jetzt nicht Flüchtlinge, sondern feindlich gesinnte Angehörige bestimmter Nationen. Man sollte zum Beispiel meinen, dass es für die bereits auf dem Heimweg vom Urlaub befindlichen Holländer ein Klacks wäre, mit ihren Schlachtwagen eine auf dem Weg liegende Stadt wie Montabaur quasi im Frikandelumdrehen zu besetzen. Zum Glück für uns kommen die Holländer aber nicht auf diese nahe liegende Idee. Das liegt daran, dass ihr eigenes Land in den Ferien ebenfalls unbewohnt und somit wehrlos ist. Die Niederländer sehen also zu, dass sie nach Hause kommen, bevor die Belgier ihr Land übernommen haben.
In unserem gerade nicht sehr wehrhaften Deutschland halten nur ein paar wenige Urlaubsmuffel die Stellung und verbringen ihre Ferien auf Balkonien. Das muss ja nicht schlechter sein als zwei Wochen an der Adria, wo deutsche Kinder zuletzt aus hunderten am Strand gefundenen Zigarettenkippen ein eindrucksvollen Modell des Brandenburger Tors gebastelt haben. Oder als ein Aufenthalt in Österreich, wo man als Piefke oft ein paar Euro mehr fürs Schnitzel bezahlt als die Einheimischen. Wer diesen Vorgang als deutscher Tourist mit der Bemerkung verziert, der österreichische Kellner sei ja quasi Bergdeutscher und habe damit Loyalität und Toleranz verdient, hat die Sympathien im Gastgeberland auf seiner Seite.
Die nicht Verreisten trösten sich damit, dass man auf dem Balkon herrlich entspannen kann und es nicht weit hat bis zum Grill. Meistens steht dieser nur wenige Zentimeter entfernt, kann im Sitzen bedient werden und versorgt die eigene Familie und sämtliche Nachbarn über Wochen mit exotischem Barbecue-Aroma, jedenfalls wenn das Halsgrat vor dem Auflegen für drei Tage in einer Mango-Curry-Ketchup-Pampe mariniert wurde. Wer braucht schon schlechtes Essen in einem fernen Land, wenn er selber nicht kochen kann? Zur Begleitung der angekokelten Säugetier-Biomasse lässt sich eine Sangria zaubern, von der man noch Tage später etwas hat, besonders in der Hinterkopfgegend. Benötigt werden dafür lediglich vergorene Südfrüchte, Rotwein von der Tanke, Orangensaft sowie Wodka. Zur Not tut’s auch alter Glühwein mit Eiswürfeln.
Stranderlebnisse lassen sich ausgezeichnet auf Kinderspielplätzen simulieren. Tolerante Kleinkinder meckern nicht, wenn Erwachsene im Sandkasten ein Handtuch ausbreiten und mitgebrachte Speisen verzehren oder Eiscreme in den Spielsand tropfen lassen. Am Abend werden alternierend zum selber grillen griechische, spanische, türkische oder italienische Restaurants aufgesucht. Und zwar praktisch unbekleidet, wie man es sonst im Urlaub auch immer gemacht hat. Dass man damit in Kassel oder Schweinfurt eher unangenehm auffällt, sollte man mit derselben Nonchalance übergehen wie Kleidungsvorschriften in Museen oder Gotteshäusern. Ob man nun den Petersdom zu Rom oder den Dom von Duderstadt im Bikini aufsucht, ist ja im Prinzip egal. Ist ja beides katholisch.
Und doch, am Ende der Ferien daheim werden Defizite zu verschmerzen sein: Kein Sand zwischen den Zehen, kein stundenlanges Warten auf Gepäck, kein justiziabler Ärger mit der Reiseleitung. Letzteres scheint vielen deutschen Urlaubern erst den richtigen Urlaubskick zu verschaffen. Und noch etwas fehlt, nämlich die Romantik des Woanders-gewesen-Seins. Auch hierfür hätte ich einen Lösungsvorschlag. Der folgt nächste Woche im zweiten Teil.