Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.08.2015

437_Urlaubstipps (2)

Niemand muss traurig sein, wenn es in diesem Jahr nicht zu Ferien in der Karibik gereicht hat, denn die meisten Etappen eines erfolgreichen Urlaubes (Sonnenbrand, sinnlose Anschaffungen, mäßige Verpflegung, Streit mit angetrunkenen Briten) lassen sich in einer Stadt wie Berlin an einem einzigen Vormittag absolvieren. Und doch fehlt am Ende des Urkaubs eine Kleinigkeit, für die wir die Fernreise dann doch brauchen: Ferienromantik. Die kann man nicht simulieren, die muss man erleben.
Dachte ich jedenfalls zuerst. Aber dann fiel mir ein, dass der deutsche Schlager, wenn er auch für sonst nichts taugt, in punkto Sehnsucht eine riesige lyrische Schneise in die empfangsbereite Seele schlägt, um darin wirkmächtige Urlaubsbilder abzuladen. Dafür bedarf es lediglich den Einsatz leicht verständlicher und ständig wiederholter Textbausteine. Quasi immer dabei: weiße Rosen, Strände, Palmen, wahlweise Sonnenauf– oder Untergänge, Tavernen, Wein (niemals Bier!), ein oder mehrere Schiffe, die entweder ankommen oder abfahren, Fischerdörfer sowie tropische Nächte, in denen durchgetanzt wird. In Anbetracht der Zielgruppe vermutlich der Ententanz, was ich mir am Strand von Barbados sehr ulkig vorstelle.
Ich habe mir für Sie mehrere dutzend Sommerschlager angehört und Empfehlungen parat, falls Sie am Ende des Urlaubs fehlende eigene Erfahrungen mit einprägsamen Bildern aufhübschen möchten. Führend im Bereich der Fernwehschnulze dürften die Flippers sein, ein Trio, deren Mitglieder ein wenig aussehen wie die Miesmuscheln am kleinen Fischerboot von San José. Sie singen: „Nur du und ich im Palmenhain, leise Musik und roter Wein. Ein Abschiedswort im Sommerwind, es bleibt nur ein Traum, den keiner mehr nimmt. Die rote Sonne von Barbados,“ und so weiter und so fort. Die Musik ist egal. Da hat der deutsche Schlager eine gewisse Ähnlichkeit mit Reggae und Thrash-Metal: Im Grunde wiederholt sich einfach alles immer wieder. Ebenfalls von den Flippers kommt die folgende Sentenz, die tatsächlich aus einem GANZ ANDEREN Song stammt: „Wenn der Mond dann scheint durch die Palmen am Strand, Und die Wellen spielen mit den Muscheln im Sand, Dann sagst du mir, ich vergesse dich nie, und der Wind singt seine Melodie, Im Zauber der Südsee ziehen Boote im Wind“.
Aber die Konkurrenz schläft nicht. Auch Michelle war weg, hat jedoch eine Städtereise gebucht. Nach Paris. Mit dramatischem Ergebnis: „Wir tanzen bis der Tag anbricht, Wenn du Lachst dann Küss ich dich, Wärn wir eine Stadt, Wüßt ich wie sie hieß, dann wärn wir zwei Paris.“ Aha. Nämlich verstopft und schmutzig. Das gibt Anlass zur Sorge. Auch der Stätdtetrip der Flippers war jetzt nicht sooo dolle. Sie waren im Moskau, mussten dort jedoch leider schlechtes Wetter gewärtigen: „Noch ein letzter Kuss Natascha, und ich spür’ dein nasses Haar, Leise spielt die Balalaika, sehnsuchtsvoll und wunderbar, Heute soll der Himmel weinen, er spült dir die Tränen fort, Moskau im Regen mein Herz bleibt bei dir und meine Sehnsucht, die ich nie verlier! Oh ho ho oh ho ho ho.“
Dann doch lieber wieder Exotik. Wie bei den Amigos. Das sind die Titanen des geriatrischen Schlagers. Dieses Duo, bestehend aus den Brüdern Bernd und Karl-Heinz Ulrich, ist für Hessen, was Simon & Garfunkel für die Lower East Side waren: Botschafter des Zeitgeistes. Der Zeitgeist der hessischen Provinz führte bei den Amigos jüngst zu einem neuen Album namens „Santiago Blue. Darauf heißt es: „Sternenklare Nacht, im fernen Land, heißer Sand, und ich halt im Träumen Deine Hand.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: „Oh ho ho oh ho ho ho“.