Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.08.2015

438_Silenzio! Schsch!

Stille ist für mich der neue Krach. Leisesein: welch ein Genuss. Im Auto höre ich gerne gar nichts mehr: keine Musik, kein Hörbuch, kein Radio. Das war früher natürlich anders, da habe ich jede freie Sekunde der Fahrt dazu genutzt, tüchtig aufzudrehen, was ich mochte. Bitte nicht falsch verstehen: Ich mag das, was ich damals mochte immer noch; ich höre es mir nur nicht mehr an. Man muss ja auch nicht immerzu Zitronenkuchen essen, bloß weil man Zitronenkuchen mag.
Das können Carla und Nick nicht verstehen. Sobald sie in meinem Auto sitzen, stöpseln sie ihre iPods an und wollen mir „Alt-J“ oder „Antilopengang“ vorspielen. Wenn ich ihnen freundlich mitteile, dass ich ihre Musik super, Stille aber noch viel superer finde, tippen sie sich an die Stirn und raunen sich Schmähungen zu, von denen sie glauben, dass ich sie vorne nicht verstehe. Was auch stimmt. Aber ich spüre das. Meine Kinder haben jedenfalls kein Verhältnis zur Lautlosigkeit. Das liegt daran, dass sie je zu einem Viertel Italiener sind. Und die haben mit sowas traditionell nichts am Hut.
Anschaulich wird dies bei einem Besuch der umbrischen Wallfahrtsstätte Assisi. In der Basilica San Francesco herrscht trotz mahnender Schilder ein andauerndes Plaudergeräusch von den vielen hundert gleichzeitig hindurch schlendernden Italienern. „Stille“ bedeutet für sie nicht, dass Alle leise sind, sondern dass Alle reden wie immer, bloß ohne Schreien. Alle fünf Minuten schallt aus versteckten Lautsprechern die Stimme eines Franziskanermönches, der autoritär ins Mikrofon blafft: „Silenzio.“ Die Besucher reagieren maßvoll eingeschüchtert und verlegen sich für zehn Sekunden aufs Flüstern, um dann wieder lauter zu sprechen, weil keiner versteht, was die Anderen gesagt haben. Nach fünf Minuten kommt dann wieder der Mönch: “Silenzio!“ Wenn es ihm zu bunt wird schiebt er ein „Schsch!“ nach. Ein toller Job, den ich auch gerne machen würde, auch außerhalb der Kirche. Zum Beispiel, wenn es um Gender Mainstreaming geht, das gerade wieder eine ulkige Blüte getrieben hat.
Während ich mir nämlich in Italien Kirchen ansehe, hat der WDR eine prinzipiell okaye Ausgabe von „Hart aber Fair“ aus der Mediathek genommen. Der deutsche Frauenrat und diverse Gleichstellungsbeauftragte haben sich über die Sendung aufgeregt, wohl weil der immer so bumsfrivol grinsende Wolfgang Kubicki darin von seinem Hund erzählte. Außerdem wurde Moderator Frank Plasberg kritisiert, weil er den um eine Pointe bettelnden Umstand, dass 180 von 190 Geschlechterforschern in Deutschland weiblich sind, zu einer milden Pointe genutzt hat. Aber was hätte er denn mit dieser Info sonst machen sollen? Nicht drüber schmunzeln hilft ja auch nicht weiter. Mir kommen die ProtagonistInnen der eigentlich wichtigen Gleichstellungsdebatte ziemlich humorlos vor. Und ästhetisch skrupellos, wenn ich mir das scheußliche Binnen-I im letzten Satz so ansehe.
Die Redaktion hat angekündigt, das Thema bei „Hart aber Fair“ zu wiederholen. Vielleicht wird ja dann mal ernsthaft debattiert, und zwar auch über dieses knifflige Genderproblem: Es ist nämlich so, dass der Straftatbestand der exhibitionistischen Handlung nur von Männern erfüllt werden kann. Für Frauen bleibt nur die weniger schlimme Erregung öffentlichen Ärgernisses. Egal. Wenn nun ein so genannter Gliedvorzeiger vor Gericht angibt, dass er gar kein Mann sei, sondern intersexuell, nach welchen Maßstäben soll man seine Tat dann bewerten? Okay, okay, ich merke schon, ich bin nicht qualifiziert. Silenzio. Schsch