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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.09.2015

439_Übellauniger Zyklop

Erziehungswissenschaftler und Fernseh-Psychologinnen weisen manchmal darauf hin, dass man den Kindern über die Schultern sehen solle, wenn sie am Rechner säßen. Man wird sogar dazu angehalten sich zu interessieren, Fragen zu stellen und mitzuspielen, um zu begreifen, welche Faszination von „Minecraft“, „World of Warcraft“ oder anderen Online-Spielen ausgeht. Auf diese Weise lerne man, die Jugendlichen besser zu verstehen und gewinne durch Dauernörgeln verloren gegangenes Vertrauen zurück. Heißt es. Ich habe mich aber nie darauf eingelassen und immer behauptet, dieser Quatsch sei mir zu öde, zu belanglos und lasse mir zu wenig Zeit für die Lektüre von Camus und Heidegger. Doch das war gelogen. Die Wahrheit ist wenig schmeichelhaft und stellt eine dumpfe Niederlage für mich als Vater und als Erziehungsberechtigter dar. Ich befürchte nämlich, dass mich diese Sachen ganz im Gegenteil viel zu sehr interessieren.
Wie ich mich kenne, würde ich meinen Sohn Nick nach einer Viertelstunde vom Stuhl schubsen und anstatt seiner weiterspielen. Ich würde die Arbeit vernachlässigen oder überhaupt nur noch über „Clash of Clans“ schreiben. Meine Auftraggeber würden Briefe schicken, in denen sie die Rückkehr zu früheren Kolumnenthemen erbäten, schließlich sogar ultimativ verlangten. Ich würde nicht reagieren und eines Tages entlassen, besäße dafür jedoch gewaltige virtuelle Magierkräfte sowie eine bunt leuchtende Computer-Maus.
Um meinen Sohn und vor allem mich selber von diesen Verlockungen fern zu halten, nahm ich keinen Rechner mit in den Urlaub. Nick sollte sich einfach mal mit sich selber beschäftigen. Gräser bestimmen, Steine zu Landart-Türmen schichten, alle fünf Minuten die Uhrzeit nach dem Stand der Sonne berechnen. Ich empfahl ihm seltsamerweise lauter Dinge, die ich selber niemals machen würde, wunderte mich aber darüber, dass er mir pantomimisch ein Messer in den Rücken stieß und dabei den Soundtrack aus „Psycho“ anstimmte.
Nick hatte eine bessere Idee, um sich und mich zu beschäftigen. Er zog eine Schachtel aus seinem Koffer und präsentierte mir sein Lieblingskartenspiel. Es heißt „Magic: The Gathering“. Er bot an, es mit mir zu spielen. Ich lehnte erst einmal ab, denn es geht um Fantasy, und Fantasy erinnert mich immer an sexy Airbrush-Motorhauben-Kunst. Das ist nicht so meins. Nachdem ich zwei Stunden lang Alternativen erkundet und einen Turm aus Steinen errichtet hatte, dessen Spitze mir umgehend auf den linken kleinen Zeh gefallen war, kam ich zu ihm und sagte: „Okay, zeig mir Dein Magic-Dings.“
„Magic: The Gathering“ berichtigte er mich und begann dann mit der Erläuterung der Spielregeln. Wer die auf Anhieb versteht, kann auch Muonen in kosmischer Strahlung berechnen und Soufflés ohne Eier backen. Aber wir hatten ja Zeit. Im Großen und Ganzen geht es darum, dass die Spieler Magier sind und mit ihren Karten zu einem Zauberduell antreten. Zu Beginn verfügen Beide über zwanzig Lebenspunkte, die sie sich gegenseitig unter dem Einsatz ihrer Karten entziehen, bis einer tot ist. Auf den Karten sind Kreaturen abgebildet, die verschiedene Fähigkeiten und davon mehr oder weniger aufweisen.
Es ist dann doch einfacher als man denkt und im Grunde wie früher beim Auto-Quartett. Und was die Karten angeht, bin ich restlos begeistert. Wundervolle Kreaturen treten da für die Spieler an. Zum Beispiel der „Schauderbalg-Raufbold“, über den es auf seiner Karte heißt, dass er die Seinen bestatte, indem er sie aufesse, um ihre Schande vergessen zu machen. Ebenfalls nützlich sind die „Verkrüppelnde Fäulnis“, der „Schädelspalter-Minotauros“ und der „Krenkos-Vollstrecker“, dessen besondere Fähigkeit im Einschüchtern des Gegners besteht. Außerdem bricht er gerne Beine.
Aber meine absolute Lieblingskarte habe ich gestern entdeckt. Sie heißt „Übellauniger Zyklop.“ Der übellaunige Zyklop gilt als ziemlich wirksames Monster. Er „verursacht Trampelschaden“, steht unter seinem Bild. Und dass er nur zwei Gemütszustände kenne, nämlich verärgert und schlafend. „Genau wie Du,“ behauptete Nick. Na warte, Früchtchen, dafür mache ich Dich fertig.