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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.09.2015

440_Schmachtverhältnisse

Charmant zu flirten ist schwer bis gar nicht erlernbar und nicht wenige Frauen sind der der Meinung, dass diese Kulturtechnik zum Rumkriegen oder wenigstens Kennenlernen dem deutschen Mann nicht unbedingt in die Wiege gelegt sei. Entweder man hat es drauf oder nicht. Und der Deutsche sei da angeblich etwas unterbelichtet. Behauptet unsere Tochter. Sie benutzt WhatsApp wie eine Peitsche, um lästige Angreifer zu vertreiben. Carla verhält sich, das Smartphone fest im Griff, ähnlich wie eine Milchkuh auf der Weide, die Fliegen mit dem Schwanz verscheucht. Außer im Urlaub.
Da machte sie die Bekanntschaft mehrerer italienischer Jungs, die allesamt aussahen wie John Travolta in „Grease“ und ganztags vor der dörflichen Eisdiele herumhingen. Es war Carla vollkommen klar, dass die Bübchen noch zuhause wohnten, ihre Mütter und Großmütter verehrten, eher dörfliche Karrieren anstrebten und auf keinen Fall vertrauenswürdig, kulturinteressiert oder gar treu sein würden. Aber das war ihr – anders als zuhause – vollkommen schnuppe. Und warum? Weil die Italiener die Sache mit dem Flirten einfach draufhaben. Und zwar nicht nur die Jungen.
Roberto zum Beispiel ist Mitte fünfzig und er gibt Alles. Und zwar bei meiner Frau. Als örtlicher Tankwart hat er regelmäßigen Zugriff auf unser Auto und meine Gattin. Er trägt einen Bart und eine betont nachlässige Frisur, die sicher viel Arbeit macht. Prinzipiell ist er ein guter Tankwart, eine Art Paganini der Zapfpistole. Allerdings sülzt er Sara bei jedem Besuch dermaßen voll, dass sie anschließend in schlingernder Fahrt seine Tankstelle verlässt. Normalerweise beginnt die Konversation damit, dass Roberto ruft: „Sara, endlich bist Du da. Ich habe schon den ganzen Tag auf Dich gewartet.“ Sie sagt: „Ciao Roberto. Volltanken bitte.“ Er ruft: „Warum rufst Du mich nicht an? Ich warte schon mein halbes Leben auf Dich.“ Meine Frau sagt: „Hör auf mit dem Quatsch.“ Roberto schiebt die Pistole in die Tanköffnung und beginnt zu klagen: „Was soll ich denn machen? Es sind die Gefühle. Soll ich lügen? Ich kann es nicht mehr verbergen. Was kann ich auch dafür? Ich liebe Dich.“
Manchmal ist Sara dann schon ein wenig genervt. Sie sagt: „Roberto, was soll denn das?“ Und dann fängt er wieder an: „Ruf mich an und wir gehen miteinander aus.“ Sara sagt: „Ich werde Dich niemals anrufen und das weißt Du ganz genau.“ Inzwischen klackt es, denn der Tank ist voll. Roberto gibt nicht auf. Er lässt winzige Tröpfchen in den Tank laufen, um Zeit zu schinden und labert weiter: „Wir könnten ein ganz neues Leben beginnen, Du und ich. Nimmst Du einmal die Sonnenbrille ab, damit ich in Deine wunderschönen Augen sehen kann? Einmal? Für mich?“
Sara nimmt die Sonnenbrille ab, damit die Liebe Seele Ruhe hat und das ist natürlich ein Fehler, denn nun beginnt Roberto mit einer Eloge auf Saras Augen, die er einfach nicht vergessen könne und was er getan habe, dass er so furchtbar mit dieser aussichtslosen Liebe gestraft sei. Sara fragt ihn, was sie ihm schuldig sei und er antwortet: „Ein Lächeln, ein gemeinsames Zitroneneis und 52 Euro.“ Sie zahlt und fährt. Wenn ich dabei bin, verzichtet er übrigens auf jegliche Schmachtvorträge. Er nickt mir einfach freundlich zu und tankt und nimmt das Geld entgegen. Und zu Sara sagt er kein einziges Wort; einmal habe ich jedoch gesehen, wie er ihr zugezwinkert hat.
Ich mache mir aber keine Sorgen, denn Roberto ist noch kleiner als meine Frau, außerdem nehme ich die Schwärmereien, von denen Sara mir immer erzählt, nicht mehr richtig ernst. Ich weiß nämlich inzwischen, dass Sara nicht die einzige Frau in seinem Leben ist. Es gibt noch andere. Möglicherweise hunderte. Als ich letzte Woche mal alleine auf seine Tankstelle fuhr, musste ich hinter einem anderen Auto warten. Ich stieg aus, um schon mal den Tankdeckel zu öffnen. Roberto beugte sich ins Fahrerfenster des anderen Autos und ich hörte, wie er rief: „Francesca, endlich bist Du da. Ich habe schon den ganzen Tag auf Dich gewartet.“ Ich habe bisher nicht die Kraft gefunden, Sara davon zu erzählen. Ich würde ihr gerne diese herbe Enttäuschung ersparen.