Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.09.2015

441_Der Sylt-Test

Auch so eine merkwürdige Alterserscheinung: Ich versuche jetzt, früheren Eindrücken nachzuspüren, um herauszufinden, was an bestimmten Dingen früher gut war. Das ist sehr interessant. Bei Musik zum Beispiel. Man stellt fest, dass frühe Platten von Genesis eine große Magie besitzen, während Manfred Mann’s Earth Band schauderhaftes Gedudel ist. Und wahrscheinlich immer schon wahr. Ebenfalls bei erneuter Betrachtung doch nicht so gut sind Hubba Bubba und Catweazle. Bei Sylt war ich noch unentschieden. Und damit stand ich nicht alleine da. Sylt war nämlich schon immer ein höchst ambivalentes Fleckchen Sand.
Einerseits wartet die Insel-Metropole Westerland mit einem Ortskern auf, der ähnliche Belastungsstörungen hervorruft wie der von Neumünster. Und das will wirklich etwas heißen. Andererseits können die syltschen Sandstrände jedem Karibik-Urlauber Tränen der Missgunst in die Augen treiben. Nirgendwo sonst begegnen sich fremdenverkehrswirksame Friesenfolklore und Düsseldorfer Neureichenkitsch so wirkmächtig wie hier. Nicht einmal in Hamburg. Auch das macht Sylt faszinierend. Ich war als Kind öfter dort. Zu meinen stärksten Eindrücken von damals gehören zwei prägende Begegnungen, und zwar erstens mit einer Feuerqualle. Und zweitens mit einem nackten Ehepaar aus Braunschweig, welches sich mit meinen vollständig bekleideten Eltern am Strand unterhielt. Die Erinnerung an die ältlichen FKK-Anhänger traumatisierte mich dabei stärker als die Qualle. Diese war auch wundersam exotisch, hatte aber wenigstens was an.
Jedenfalls ist Sylt seit jeher eine Insel der Widersprüche und deshalb wundert es mich überhaupt nicht, dass in letzter Zeit stark gegenläufige Meldungen über das gekrümmte Eiland verbreitet wurden. In „Icon“, dem Lifestyle-Organ der WELT, habe ich gelesen, dass das Nightlife nicht mehr so doll sei auf Sylt. Die FAZ hingegen schrieb von der „Insel der Superlative.“ Ja was denn nun? Es hilft alles nichts, man muss schon selber hinfahren und nachsehen. Eben auch um frühe Eindrücke zu vergleichen.
Auf den ersten Blick scheint die Unentschiedenheit des Ortes Bestand zu haben. Syltbesucher haben entweder sehr viele Goldknöpfchen oder sehr viele Klettverschlüsse am Körper. Hier die jako-o-isierte Beamtenfamilie, die wochenlang mit dem Fahrrad die Insel rauf und runterdonnert und jeden Tag Fischbrötchen verzehrt, bis den Kindern Schuppen wachsen. Dort die Zopfmusterpullifraktion, die im Leben nicht auf ein FAHRRAD steigen würde und bei Feinkost Meyer einkauft, der ein Wasser führt, dessen Flaschen mit Svarovski-Kristallen beklebt sind. Das friedliche Nebeneinander dieser beiden Touristengruppen ist durch ihre vollkommen unterschiedlichen Urlaubs-Ambitionen dauerhaft gesichert. Die einen wollen Natur und die anderen Hummer. So kommt man sich nicht in die Quere.
Natürlich muss man bei einem Besuch der Insel Sylt an die Grenzen des Erträglichen gehen und deshalb war ich mit meiner Familie in der „Sansibar“. Auf dem Parkplatz ausschließlich Dünentrecker, wie der SUV hier scherzhaft genannt wird. Fast alle sind weiß, die meisten tragen einen Sansibar-Aufkleber. Man will jetzt unbedingt, dass alles ganz scheußlich und schlimm wird. Und zuerst klappt das auch, denn im Lokal hängen viele Bilder, die Udo Lindenberg gemalt hat. Unser Sohn Nick schmeißt als erste Amtshandlung seine Fanta um. Das ist Tradition bei ihm. Im Profifußball nennt man so etwas „Begrüßungsfoul“. Daraufhin geschieht, womit ich nicht gerechnet habe: Das Personal in der „Sansibar“ ist dermaßen freundlich, entgegenkommend und charmant, dass es mir fast die Laune versaut. Da hegt und pflegt man mühevoll seine Vorurteile, und dann so etwas. Exzellenter Service. Und verdammt gutes Essen. Um mich zu bestrafen, trinke ich am Ende einen Hugo.
Am nächsten Tag machen wir eine Wattwanderung. Wir wollen riesige Würmer ausgraben und suchen nach den charakteristischen Schlammkringeln, aber ich finde darunter nichts. Da befiehlt die Wattführerin: „Weitergraben. Unter jedem Kringel wohnt ein Wurm.“ Das stimmt mich wieder heiter. Die Zufriedenheit meiner Kindheit liegt in der gammeligen Wattluft. Und Sylt besteht den Test. Es ist genau so toll wie vor vierzig Jahren.