Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.09.2015

442-Das Saft-Experiment

Es gibt neue Erkenntnisse aus dem Pubertierlabor. Dem Versuchsleiter ist es gelungen, das Ordnungsprinzip seines Pubertiers zu erforschen. Um das Fazit vorwegzunehmen: Es gibt kein Ordnungsprinzip. Es herrscht jedoch, was Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent angeht, auch keine völlige Willkür. Manchmal ist das Pubertier auf diesem Feld zu erstaunlichen Großtaten von Disziplin und Ehrgeiz imstande.
Carla ist zum Beispiel problemlos dazu in der Lage, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in den Sommerferien bis nach Biscarosse Plage auf einen Campingplatz zu reisen, um dort Jugendliche aus diversen Ländern kennen zu lernen. Sie verliert weder ihren Ausweis noch ihren Schlafsack. Sie kann ohne größeren Ansehensverlust in mäßigem Französisch Lebensmittel sowie eine ausgesprochen hässliche Pfeffermühle mit einem Stadtwappen von Arcachon kaufen. Und: Das Pubertier findet wochenlang in praktisch jedem Ort der Welt ein kostenloses W-LAN. Es erinnert bei der Zielgenauigkeit der WiFi-Suche an einen gut ausgebildeten toskanischen Trüffelhund.
Ebenfalls vollkommen mühelos organisierte das Pubertier nach seiner Rückkehr einen Oktoberfestausflug mit seinen Freunden, dessen Planung stark an die logistischen Herausforderungen von Hannibals Alpenüberquerung erinnerte. Allerdings wurden keine Elefanten mitgenommen, dafür kräftig gebaute Begleiter in karierten Oberhemden. Das Pubertier erreichte durch charmante Überredungskunst den unmöglich scheinenden Einlass für alle acht Wiesnfreunde und ergatterte einen Tisch, der mit einer Bowlingtruppe aus Texas geteilt werden musste, aber immerhin. Das Versuchsobjekt Carla, soviel ist bis hierhin festzuhalten, kann wirklich viel, auch im internationalen Austausch. Eine Saftflasche aufzuräumen bringt sie jedoch an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.
Die Saftflasche steht im Wohnzimmer, was nicht unbedingt das natürliche Habit von Saftflaschen darstellt. Besonders dann nicht, wenn Saftflaschen leer sind. Sie wohnen dann bis auf Weiteres im Keller. Der Versuchsleiter entdeckt die Flasche am Sonntagmorgen und bittet das Pubertier, sie aufzuräumen. Das Pubertier reagiert darauf mit Unverständnis und fragt zunächst, warum ausgerechnet sie das tun solle. Nach einer kaum fünfminütigen Debatte erklärt es, dass im Keller Spinnen seien und lehnt ab, dorthin zu gehen. Schließlich willigt es doch ein, die Flasche später nach unten zu tragen, wenn es dem Versuchsleiter damit einen persönlichen Gefallen täte.
Eine Stunde später steht die Flasche immer noch im Wohnzimmer. Auf die erneute Bitte, die Flasche JETZT aufzuräumen, fordert das Pubertier den Versuchsleiter auf, endlich mal zu chillen. Der Versuchsleiter, zuvor wie immer ruhig und besonnen, chillt daraufhin kein bisschen und droht damit, die Flasche in das Zimmer der Probandin zu stellen, wo sie bis an deren Lebensende stehen bleiben könne. Die Probandin entgegnet ruhig, das sei kein Problem, denn dort stünden bereits vier Flaschen.
Bei der Inaugenscheinnahme des Zimmers stellt der Versuchsleiter fest, dass dort tatsächlich mehrere Flaschen mit teilweise nicht mehr identifizierbarem Inhalt auf dem Schreibtisch, dem Boden sowie einer Kommode stehen. Offenbar gedenkt Carla, in ihrem Labor neues Leben zu züchten. Der Versuchsleiter versucht es nun mit dem Belohnungsprinzip und verspricht die Zubereitung von Schokoladenpudding, wenn die Flaschen vollständig und innerhalb der nächsten Stunde entsorgt würden.
Eine knappe halbe Stunde später steht die Saftflasche nicht mehr im Wohnzimmer – sondern im Esszimmer. Die Flasche hat nunmehr knapp vier Meter zurückgelegt. Der Versuchsleiter macht sich Notizen und wartet ab. Bis zum frühen Abend sind tatsächlich alle Flaschen in den Keller verbracht worden. Vereinbarungsgemäß macht sich der Versuchsleiter an die Produktion des versprochenen Schokoladenpuddings, der vom Pubertier mit großem Genuss verzehrt wird. Am nächsten Tag entdeckt der Versuchsleiter ein benutztes Puddingschälchen im Wohnzimmer. Manchmal kommt dem Versuchsleiter sein Leben sinnlos vor.