Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.10.2015

445_Große Kleinigkeiten

Manchmal sind es keineswegs die ganz großen Ereignisse, die unser Leben bereichern. Firmenjubiläen, Hochzeiten, Grenzöffnungen, so etwas in der Art. Die Bedeutung solcher Augenblicke ist jedem Armleuchter klar, schon weil die Inszenierung derartiger und auch persönlicher Meilensteine inzwischen jede Dimension sprengt. Neulich hörte ich von einem zehnten Geburtstag, für den bei der Stadt Starnberg ein dreißigminütiges Feuerwerk angemeldet wurde. Die Verwaltung hat dem Ansinnen aber nicht stattgegeben, weil pyrotechnische Spektakel dieser Größenordnung in Bayern nur bei Königskrönungen stattfinden, oder wenn der Landrat eine Sparkasse einweiht.
Ob etwas überhaupt ein großer Moment ist oder nicht, liegt natürlich im Auge des Betrachters. So kann etwa ein Karriereende ohne größere Anteilnahme der Bevölkerung vollzogen werden, stellt aber für den Betroffenen immer eine prägende Erfahrung dar. Als ich beispielsweise 1979 nach nur wenigen Jahren die Fußballschuhe an den Nagel hängte, ohne auch nur ein einziges Länderspiel absolviert zu haben, war ich natürlich sehr betrübt, während die deutsche Bevölkerung mitleidlos zur Tagesordnung überging. Gut, ich war erst zwölf und keine Hochbegabung, aber für mich war das ein Einschnitt.
Ob das Aus im Sport einen großen Moment darstellt, ist aber selbst bei Sportlegenden eine Frage der Sichtweise. Für uns in Europa eher weniger von Belang erscheint das Karriere-Ende des neuseeländischen Rugby-Titans Tony Woodcock, der sich jüngst bei einem Spiel seiner Nationalmannschaft gegen Tonga einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zuzog und nun für immer das Ei aus der Hand legt. In der rechten unteren Ecke der Weltkarte ist deswegen gerade der Teufel los, wir hingegen bekommen davon praktisch nichts mit. Ebenfalls weitgehend unbeachtet blieb die Meldung, dass Fler seine Karriere beschließt. Wer? Fler? Das ist ein Rapper aus Berlin. Er kündigte gerade an, demnächst mit dem Rappen ganz aufzuhören. Das Fachorgan „HipHop.de“ zitiert ihn mit den Worten „Wenn man der Krasseste ist und irgendwelche Kackvögel da draußen mehr verkaufen – was soll ich machen, Alter?“ Recht hat er.
Es blieb jedenfalls eine sehr kleine Meldung und das nährt die These, dass es die ganz kleinen Dinge des Lebens sind, die einem die größte Freude machen. So wie neulich bei „Bauer sucht Frau“, wo ein begeisterter Landwirt seiner Eroberung verliebt zuraunte: „Du warst mir gleich ein Dorn im Auge.“ Und heute Morgen hat ich mich die Zeitungslektüre um einen solchen klitzekleinen Moment der absoluten Begeisterung bereichert. Ich las einen Artikel über den Einbruch einer Bande in einen Elektromarkt in Geretsried. Geretsried ist eine durch ihre wursthafte Krümmung sehr gut aus dem Weltall sichtbare und ansonsten nicht besonders aufregende Gemeinde zwischen München und Bad Tölz. Jedenfalls wurde dort innerhalb von vier Tagen zwei Mal in einem Elektromarkt eingebrochen. Über den ersten Vorfall hieß es dazu in der Zeitung: „Die Vitrine mit den ebenfalls teuren Apple-Handys blieb unangetastet – womöglich, weil die Männer von einem Hausbewohner gestört wurden, der aus der obersten Etage einen Blumenkasten herunterwarf.“ Den Wert der Beute aus beiden Nächten schätzt der Inhaber des Geschäftes auf 70 000 Euro. Aha. Denkt man. Und dann: Moment, noch mal zurückspulen. Was war das da gerade? Da schmeißt einer völlig im Ernst einen Blumenkasten vom Balkon? Also ich würde wahrscheinlich die Polizei rufen, aber in Geretsried schmeißen sie mit vertrockneten Geranien, wenn irgendwo eingebrochen wird. Das fand ich ein sehr hübsches Detail in der Berichterstattung.
Aber nicht alle Menschen können sich an derartigen Schmonzetten des Alltags erfreuen. Eben sprach ich mit einer Freundin am Telefon und erzählte ihr von dem Geretsrieder Blumenkasten. Ich fragte, ob sie das nicht auch komisch fände. Sie verneinte und ich insistierte, ob sie denn gar nicht darüber lachen könne. Darauf sagte sie: „Nein. Ich finde das nicht lustig. Ich bin nämlich Vegetarierin. Und die haben keinen Humor.“ Da musste ich noch mal lachen. Schon der zweite gute Witz heute. Ein toller Tag für lustige Kleinigkeiten.