Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.10.2015

446_Ich, das Callcenter

Mein Arbeitsleben ist gekennzeichnet durch einen unfassbaren Druck. Ich habe nämlich täglich nur bis 16 Uhr Zeit, mir etwas einfallen zu lassen. Bis dahin ist es bei uns ruhig, danach geht nichts mehr. Es ist wie in der Geschichte vom Gespensterschiff, welches täglich nach Sonnenuntergang zum Leben erwacht. Dann toben darauf Kämpfe, die Schwerter klirren und Tote fallen auf Deck. Bei uns toben ebenfalls Kämpfe, die Kinder klirren und die Schultaschen fallen zu Boden. Carla und Nick trampeln die Treppe rauf und runter, Musik wird aufgedreht und vor allem: klingeln Telefone.
Nach 16 Uhr ist es nicht mehr für mich. Aber ich muss jedes Gespräch annehmen, weil die Ohren meiner Kinder über Geräuschfilter verfügen, in denen Telefonklingeln ausgeblendet wird. Sie hören das einfach nicht, obwohl in jeder Etage ein Telefon herumliegt. Aber ich höre es. Da es nicht für mich ist, lasse ich es zwar zehn Mal klingeln, aber Jugendliche sind vollkommen schmerzfrei, was die Penetranz ihrer Anrufe angeht. Sie lackieren sich die Nägel, essen Bananen, versenden Kurznachrichten oder sitzen auf dem Klo. Sie langweilen sich jedenfalls nicht, während sie woanders anrufen. Sie sitzen am längeren Hebel.
Nach dem zwölften Klingeln gehe ich dran. Es ist Jonas. Ob Carla da sei. Ob er sie mal sprechen könne. Gerne. Moment. Ich trage das Telefon aus dem Keller nach oben in Carlas Gemächer. Ich überreiche es, nehme dafür ein Telefon, das unter ihrem Kissen liegt und einen leeren Joghurtbecher mit und verlasse rückwärtsgehend mich verbeugend den Raum. Eine halbe Stunde später treffe ich Carla in der Küche. Es sei um Emma gegangen. Die habe wieder einmal mit Jonas Schluss gemacht. Er wolle nun nicht, dass die ganze Schule darüber rede. Ich bitte sie, ihre Anrufe künftig selber anzunehmen, aber sie kann gerade nicht mit mir sprechen, weil eine wichtige WhatsApp-Nachricht eintrifft. Mein Kind ist eine Ein-Mann-Kommandozentrale für pubertäre Krisenintervention.
Um 16:52 klingelt das Telefon. Nach dem dreizehnten Klingeln hebe ich ab. Leonie. Ob sie mit Carla sprechen könne. Ich frage sie, warum sie nicht auf Carlas Handy anrufe. Leonie teilt mit, dass dort dauernd besetzt sei. Ich spare mir den Hinweis, dass das Besetztzeichen bedeutet, dass sie gerade schon mit jemand anderem spricht und nach allem was ich weiß nur ein Gehirn besäße und daher auch nur ein Gespräch führen könne. Dann bringe ich das Telefon in den Salon meiner Tochter. Ich nehme das andere Telefon wieder mit und höre im Hinausgehen noch, wie sie sagt: „Hi Leonie, ja, große Krise, ich darf nicht darüber sprechen, aber es ist ernst. Und Max sagt gerade am Handy, dass er Emma mit diesem Metzger aus der Berufsschule gesehen hat. Und dabei ist sie doch Veganerin.“
Ich setze mich wieder an den Schreibtisch. Fünfzehn Minuten später klingelt es. Fünfzehn Mal. Einmal muss Schluss sein. Ich gehe dran und sage: „Hallo, hier ist das automatische Callcenter von Carla. Wenn Du Dich zum Lernen mit ihr Verabreden willst, sage jetzt ja.“ Am anderen Ende Stille. Nur ein leises Atmen ist zu hören. „Wenn Du Metzgerlehrling bist und über Emma reden willst, antworte jetzt mit Ja.“ Keine Antwort. „Wenn Du Emma heißt und über das Problem mit Jonas sprechen möchtest, sage jetzt ja.“ Da sagt eine Mädchenstimme „Ja.“ Ich sage: „Wenn Du mit dem Metzger zusammen sein möchtest, der kleine unschuldige Lämmchen schlachtet und in der Mittagspause Rinderpansen kaut, dann antworte mit eins. Wenn Du lieber mit dem sehr netten Jonas zusammen sein möchtest, antworte mit zwei. Wenn Du einen leckeren Schweinebraten bestellen möchtest, antworte mit drei.“ Nach einer kurzen Bedenkzeit antwortet die Mädchenstimme: „Zwei.“ Ich puste in den Hörer und sage: Du hast gewählt: zwei: ich möchte mit Jonas zusammen sein. Das ist eine gute Idee. Wir danken für Deinen Anruf und geben Dir den gebührenfreien Rat, ganz schnell bei Jonas anzurufen. Vielen Dank. Auf Wiederhören.“
Beim Abendessen erzählt Carla, dass die Sache bei Emma und Jonas wieder läuft. Irgendwie habe sie ein total tolles Beratungsgespräch am Telefon gehabt. Stimmt. Und ich weiß auch, mit wem.