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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.11.2015

447_Batjans Showdown

Der Superheld ist eine ambivalente Erscheinung, denn trotz seiner Superkräfte plagt ihn immer gleichzeitig irgendeine Form der Verwundbarkeit. Superman wird durch Kryptonit mattgesetzt, Iron Man leidet an einer schleichenden Palladiumvergiftung und sogar Obelix wird schwach, wenn er der schönen Falbala über den Weg läuft. Insofern sind Superhelden Leute wie Du und ich. Ich brachte diese Theorie heute beim Frühstück ein, als es darum ging, wer die ideale Besetzung für Batman sei.
Carla behauptete, der einzig wahre Batman sei Christian Bale gewesen. Michael Keaton war für sie zu lange her und der tendenziell weicheiige George Clooney habe selbst mit Fledermausmaske derart knuffelig ausgesehen, dass sie die ganze Zeit fürchtete, er könne sich beim Teetrinken die Zunge verbrennen. Und der neue Batman in der Gestalt von Ben Affleck gefiel ihr auch nicht. Sie sagte: „Wenn jetzt schon Ben Affleck Batman spielen kann, dann hätten sie genau so gut Dich nehmen können.“
Erst dachte ich, das sei ein Kompliment, aber dann fing Nick an, derart katzendreckig zu lachen, dass mir klar wurde, dass hier Witze auf Kosten des Haushaltsvorstandes gemacht wurden. Nick begann, sich auszumalen, wie das Bat-Kostüm für seinen Vater umgebaut werden müsse. Es sei zum Beispiel ein wenig zu straff in der Taille. „Und die Brillenbügel passen nicht unter die Maske.“ Mein Sohn schlug deswegen vor, mir ein Brillenetui ins Kostüm einzunähen. Vielleicht in einer der riesigen Brustmuskelattrappen. Um Lösegeldforderungen nicht mit ausgestrecktem Arm vorlesen zu müssen, könnte ich die Brille aus meinem Brustmuskel holen und mir vor die Augen halten.
Ein noch größeres Problem bei meiner Batman-Ausstattung – fand Carla – sei die Verhüllung meiner Ohren durch die Maske. Unter diesem Latexüberzug sei mein ohnehin mäßiger Hörsinn endgültig eliminiert. Sie schlug vor, die Gummimütze an den Ohren kreisrund auszuschneiden. Das sehe zwar sehr doof aus, aber ich könne auf diese Weise zumindest der Rahmenhandlung der Geschichte folgen, in der ich mitspielte.
Das war frech, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Ständig werde ich mit meiner Harthörigkeit aufgezogen. Neulich zum Beispiel war ich so stolz, weil ich mitbekam, dass meine Tochter und ihre beste Freundin Emma miteinander über Woyzeck sprachen. Ich freute mich über soviel Kulturbeflissenheit, bis ich feststellte, dass ich mich verhört hatte. Die beiden hatten nicht miteinander über Woyzeck gesprochen, sondern über WhattsApp.
Egal. Sara wies dann noch darauf hin, dass der Umhang des Kostüms viel zu dünn für mich sei. Sie schlug ein Cape aus Frottee vor, es müsse ja nicht schwarz sein. Mir stünde auch hellblau. Und es sei sicher sinnvoll, wenn ich bei Superheldeneinsätzen immer jemanden dabeihätte, der Telefonnummern und Adressen im Kopf behielte, damit ich beim Weltretten nicht dauernd die falsche Tür einträte. Und sie hat ja Recht. Ich bin hier und da ein wenig vergesslich. Das bescherte mir neulich den würdelosesten Moment meiner Vaterschaft. In einem schwachen Moment hatte ich Carla den PIN-Code der Kindersicherung von „Netflix“ verraten. Und Madämchen hat die Kombination eiskalt an ihren kleinen Bruder verkauft. Für eine Tüte Gummifrösche. Als ich gestern etwas sehen wollte, fiel mir der verdammte Code nicht mehr ein. Carla war nicht da. Ich musste also meinen dreizehnjährigen Sohn um die Preisgabe der vierstelligen Kindersicherungs-Kombination bitten. Das war so demütigend.
Es kam dann noch zu einem echt batmanesken Showdown beim Frühstück. Jeder kennt diese Momente aus Action-Filmen. Die Katastrophe rückt näher, unschuldige Opfer drohen unter einem gigantischen Monster aus Stahl erdrückt zu werden, es geht um Millimeter, aber dann kommt der Superheld und rettet auf den allerletzten Drücker schreiende Kinder oder Frauen vor herabfallenden Trümmern. So ähnlich muss man sich den Augenblick vorstellen, als ich aufsprang, aus dem Haus stürmte und gerade noch rechtzeitig die Restmülltonne auf die Straße schob. Ich drückte sie der fluchtbereiten Müllabfuhr quasi in die Hand – in letzter Sekunde. Ich trug meinen hellblauen Batmantel– und fühlte mich wie ein Held.