Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.11.2015

449_Elternsprechtag

Meine Frau war der Meinung, dass ich endlich ein ordentliches Mitglied meiner Familie werden müsse. Es könne nicht sein, dass ich als Einziger von uns Vieren noch nie bei einem Elternsprechtag gewesen sei. Der regelmäßige Besuch dieses Schul-Happenings sei aber unabdingbar Teil unserer Familienkultur. Ich wies sie darauf hin, dass ich schon alle zwei Jahre Brennholz hinter der Garagenwand stapele. Ich könne mich nicht erinnern, dass meine Kinder oder meine Frau dabei familienkulturell jemals ein Fingerchen gerührt hätten. Sara sagte, ich solle mich nicht so anstellen. Dann überreichte sie mir eine Liste mit Namen. Sie hatte alle Lehrerinnen und Lehrer angekreuzt, die ich besuchen sollte, nämlich sechs Stück.
Die Termine erinnerten mich dann ein wenig an das so genannte Speed-Dating. Da sitzt man sich auch nur für etwa zehn Minuten gegenüber und tauscht sich über die wichtigen Eckdaten des Lebens aus. Und am Ende stellt man in 92 Prozent aller Fälle fest, dass niemand dabei war, den man unbedingt wiedersehen möchte. Das Protokoll meines ersten Elternsprechtages zeugt aber von zumindest teilweise unterhaltsamen, wenn auch letztlich anstrengenden bilateralen Verhandlungen.
Erstes Gespräch. Herr Wilms. Sport. Nick sei ein freundlicher Junge. Bei der Sportnacht habe er allerdings eine Dose „Monster“ getrunken, anschließend einen Salto vorwärts aus dem Stand gemacht und dabei die Hälfte von dem Zeug wieder ausgespuckt. Es habe sehr geklebt. Außerdem sei er, Herr Wilms, auf der Suche nach einem günstigen Baukredit, ob man da Erfahrungen habe. Ich gebe ihm die Nummer eines Freundes, der sich auskennt. Zweites Gespräch. Frau Reinhardt. Ethik. Nick sei ein freundlicher Junge und offenbar vertraut mit den so genannten neuen Medien. Er habe ihr neulich sehr anschaulich erklärt was das Wort MILF bedeute. Außerdem sei ihr Kater verstorben. Ich tröste und weise sie auf die positive Seite dieses Verlustes hin. Immerhin rieche sie jetzt nicht mehr nach Katzenfutter.
Drittes Gespräch. Herr Lorenz. Mathe. Nick sei ein freundlicher Junge und das Thema Mathematik habe bei ihm ganz offensichtlich keine Priorität. Das sei in der ganzen Klasse der Fall. Herr Lorenz wünsche sich, dass alle etwas mehr Hinstimmung für die Ästhetik des Rechnens entwickelten und manchmal träume er davon, etwas ganz Anderes zu machen. Hochseefischerei zum Beispiel. Ich bestärke ihn und sage, dass ihm Wathosen sicher gut stünden. Bis hierhin gestalten sich die Gespräche, was den therapeutischen Anspruch betrifft, auf einem angenehm niedrigen Level.
Viertes Gespräch, Herr Klein, Deutsch. Nick sei ein freundlicher Junge. Er habe zwar die aristotelische Dramenstruktur in der Theorie noch nicht ganz verinnerlicht, führe jedoch in jeder Schulstunde eine Komödie in fünf Akten auf. Das sei faszinierend. Herr Klein müsse nach dem Elternsprechtag noch eine Sackkarre umtauschen. Er müsse eigentlich immer alles machen. Ich zitiere Nietzsche: Frei ist, wer in Ketten tanzen kann. Herr Klein bedankt sich und sagt, er fühle sich schon besser. Fünftes Gespräch. Frau Salzmann. Englisch. Nick sei ein freundlicher Junge und profitiere wie die meisten Kinder von dem Facettenreichtum der amerikanischen HipHop-Kultur. Konkret habe er sie neulich für ihr krasses Bling-Bling gelobt. Frau Salzmann beklagt die geringe gesellschaftliche Durchlässigkeit für geschiedene Frauen von Ende Vierzig. Ich mache ihr Komplimente, aber ich glaube, sie spürt die Lüge. Sechstes Gespräch. Frau Werner. Kunst. Nick sei ein freundlicher Junge und im Kunstunterricht habe er oft sehr kreative Ideen. Erst neulich habe er aufgrund einer Wette einen Wachsmalstift gegessen, was sie als künstlerische Performance mit einer glatten Eins bewertet habe. Sie hat manchmal das Gefühl, im Kollegium abseits zu stehen. Ich rate ihr zu einem Rendezvous mit dem an Hochseefischerei interessierten Herrn Lorenz.
„Und? Wie war’s,“ fragte Nick, als ich nach Hause kam. Das kann ich am Ende eigentlich gar nicht so genau beantworten, aber ich glaube, es ist mir weitgehend gelungen, einen Eindruck von den Leistungen der Lehrer zu bekommen und sie für die vor ihnen liegenden Aufgaben in der Schule neu zu motivieren. Und darum geht es ja schließlich beim Elternsprechtag.