Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.11.2015

450_Himmel und Hölle

Ist das Internet nun das Paradies der Information oder die Hölle der Banalität? Wahrscheinlich Beides. Einerseits schätze ich die Möglichkeit, im Netz zu recherchieren und mir zum Beispiel Hotels genauer anzusehen, bevor sie gebucht werden. Ich mag, wenn ich weiß, was mich erwartet. Vor kurzem musste ich nach Bayreuth. Bisher übernachtete ich dort immer in einem Hotel, in dem die Angestellten in Pumphosen und mit Westen herumlaufen als seien sie in einer Zeitmaschine geradewegs aus dem 19. Jahrhundert an die Rezeption gereist. Immer wenn ich dort einchecke, denke ich, gleich kommt Walter Spahrbier um die Ecke, verkleidet als französischer Postillon von 1830. Aber Walter Spahrbier kennt ja auch kein Mensch mehr. Der war übrigens tatsächlich nicht nur im Fernsehen, sondern auch im echten Leben Geldbriefträger, und zwar in Hamburg-Lokstedt, was man ohne Mühe ganz schnell im Internet feststellen kann. Eben. Zauberort Internet.
Jedenfalls überlegte ich, einmal ein anderes Hotel in Bayreuth auszuprobieren und sah mir die Homepages verschiedener Herbergen an. Eine von ihnen warb mit dem großartigen Satz: „Das Wohl unserer Gäste liegt uns jederzeit am Herzen, deswegen verfügen wir auch über einen eigenen Defibrillator.“ Ich habe mich dann doch wieder für das Pumphosen-Hotel entschieden, aber in solchen Augenblicken liebe ich das Internet.
Es gibt jedoch auch Momente, in denen ich es nicht ausstehen kann. Und das ist immer dann, wenn die so genannte Schwarmdoofheit wirkmächtig die Oberhand gewinnt. Wenn ein Junge in England sich das Leben nehmen muss, weil ein anderer ein peinliches Video von ihm ins Netz gestellt hat. Oder wenn man feststellen muss, dass bei praktisch jedem Namen eines männlichen Prominenten bei der Google-Suche die Eingabehilfe „schwul“ erscheint. Oder wenn irgendwelche Geschmackspäpste eine Petition ins Leben rufen, um zu verhindern, dass der olle Phil Collins ein Comeback im Showgeschäft versucht. Oder wenn das soziale Netzwerk Facebook sich als willfähriger Multiplikator für Hass und rassistische Dummheit betätigt und gleichzeitig harmlose Urlaubsfotos als Pornografie sperrt, bloß weil versehentlich ein Bikini-Oberteil verrutscht ist.
Dann finde ich das Internet grauenhaft und furchterregend. Es ist aber im Grunde genommen ganz einfach, mit dem Problem umzugehen. Man muss ja bloß das Browserfenster schließen, den Rechner ausmachen und spazieren gehen. Und schon ist das Problem gelöst, denn beinahe alle Aufregungen, mit denen wir uns den ganzen Tag im Netz beschäftigen, existieren außerhalb dessen gar nicht. Das Jugendwort des Jahres zum Beispiel. Es wurde soeben wieder einmal im Auftrag eines sehr alten Verlages und unter Ausschluss der Zielgruppe gewählt und kann nun umgehend vergessen werden. Ich führte eine repräsentative Befragung am Esstisch durch, bei der herauskam, dass meine Kinder das nämliche Wort „Smombie“ erstens noch nie gehört haben und es zweitens derart bescheuert finden, dass sie es selbst unter Androhung von Folter niemals verwenden würden. Vermutlich ist der Begriff in einer Ü-40-Brainstorming-Runde von einem bärtigen Werbetexter aus Berlin erfunden worden, der zur Strafe von seinen eigenen Kindern vier Wochen lang entsetzt angeschwiegen wird.
Die wirklich schönen Geschichten ereignen sich jedenfalls nicht im Internet, sondern in echt. Bei diesem Abendessen fragte Sara nämlich unseren Sohn Nick, was für einen Geburtstagskuchen er sich wünsche. Und er antwortete, dass er drei Zitronenkuchen haben wolle, diese länglichen Dinger zum Selberbacken. „Gleich drei?“ fragte ich verwundert. Und darauf er: „Ja. Drei.“ Dann erklärte er, dass man die eigentlichen Backmischungen gleich wegschmeißen könne. Die drei Tüten mit der Zitronenglasur sollten wir hingegen öffnen, anrühren und ihm damit den linken Arm eingipsen. Er wolle den Arm dann aushärten lassen und den ganzen Tag lang die Glasur abknabbern. So stelle er sich den idealen Kuchen vor.
Ich bekam Herzrhythmusstörungen vom Lachen. Das hätte böse ausgehen können. In diesem Moment wäre es schon gut gewesen, in Bayreuth im Hotel zu sein, denn dort verfügen sie über einen eigenen Defibrillator.