Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.11.2015

451_Vonne Vergeblichkeit

Die Tatsache, dass sich im Leben ständig alles wiederholt gibt uns die Möglichkeit, gewisse Fertigkeiten zu erlangen, die bei der Zahnreinigung oder dem Aufziehen von Schneeketten nicht ohne positive Wirkung bleiben. Bitter ist bloß, wenn sich diese nicht einstellt. Wenn jede Bemühung vergeblich ist. Wenn das Leben seine höhnische Fratze aufsetzt und sagt: „Das hier, das machst Du jetzt bitte zum 384 639. mal. Und morgen machst Du es dann übrigens wieder.“
Wie bei Sisyphos, dem ollen Steineroller. Den sollen wir uns ja als glücklichen Menschen vorstellen und uns ein Beispiel an seiner ewigen sympathischen Unverdrossenheit nehmen. Was mir jedoch schwerfällt, wenn ich in der Garderobe stehe und auf die Klamotten meiner Kinder starre. Sie kommen nach Hause, und schmeißen ihre Jacken auf den Boden. Dabei habe ich einst in Kleiderhaken investiert. Man kann sie problemlos erreichen. Einfach die Jacke an einem Arm herunterrutschen lassen, mit der am anderen Arm angebrachten Hand zugreifen und die Jacke dann über den Haken werfen. Es ist nicht so kompliziert wie Flüchtlingsströme regeln oder Abgaswerte fälschen. Aber sie machen es nicht. Die Jacke rutscht vom Arm und landet auf dem Boden. Neben dem Rucksack, der fallen gelassen wird wie Sturmgepäck nach einem zehnstündigen Gewaltmarsch. Natürlich habe ich die Sachen auch schon liegenlassen, aber das führt zu nichts. Also hänge ich sie auf.
Später versuchte ich vergeblich, Nick von schönen Schuhen für den Schulsport zu überzeugen. Das ist jedoch unmöglich. Er und seine Freunde tragen nur noch Sportschuhe, die an den Füßen aussehen wie Knallbonbons. Was war bitte falsch an den Modellen „Samba“, „Gazelle“ und „Allround“? Es gibt sie immer noch, ich zeigte sie ihm, aber er schüttelte nur mitleidig lächelnd den Kopf. Dann probierte er zunächst neongrüne, dann rosafarbene und schließlich orange Plastiklatschen an. Er entschied sich für Letztere. Das Beste, was man über die hässlichen Dinger sagen kann ist, dass sie für eine große Errungenschaft der zweiten Moderne stehen, nämlich einer gewissen, der allgemeinen Metrosexualität geschuldeten Bekleidungstoleranz. In meiner Schulzeit wäre man für solche Turnschuhe noch über den Schulhof und auf den nächsten Baum gejagt worden. Insofern war ich mit den Schuhen versöhnt, als wir zuhause ankamen und mein Sohn seine Jacke auf den Boden warf.
Ich hob sie auf und setzte mich an den Rechner, um eine Mail zu schreiben. Ich möchte nämlich kein Wasser mehr geliefert bekommen. Um uns die Schlepperei beim Einkaufen zu ersparen, haben wir eine Getränkefirma beauftragt, alle zwei Wochen Mineralwasser zu bringen. Aber sie bringen zu viel. Das Wasser stapelt sich turmhoch im Keller. Ich habe schon mehrere Mails geschrieben: „Bitte schicken Sie kein Wasser mehr!“ stand darin. Oder „Wir ertrinken!“ Aber es kommt immerzu Neues. In blauen Kästen. Also setzte ich mich hin und schrieb der Firma, dass ich mir vorkäme wie der Zauberlehrling. Ich zitierte sogar Goethe: „Soll das ganze Haus ersaufen? Seh’ ich über jede Schwelle doch schon Wasserströme laufen.“ Ich verlangte, die Lieferung einfach mal für ein Jährchen auszusetzen.
Dann bat ich die Kinder, vor dem Zubettgehen in ihrem Badezimmer auszumisten. Dort stehen ungefähr hundert Tuben, Dosen, Körbchen, Schachteln, Gläser, Tiegel, Flaschen und Fläschchen mit teils dubiosem Inhalt herum. Ich legte eine extragroße Mülltüte auf den Boden. Heute morgen nach dem Frühstück kontrollierte ich die Tüte. Sie war fast leer. Es lag nur eine halbvolle Duschgelflasche drin. Carla erklärte mir, es handele sich dabei um den einzigen entbehrlichen Gegenstand in ihrem Bad. Der Gestank dieses Duschgels sei nämlich abscheulich. Bei näherem Hinsehen stellte ich fest, dass es sich um mein Duschgel handelte. Ich habe es schon überall gesucht.
Dann klingelte es. Ich öffnete und vor der Tür standen zwei Kästen Mineralwasser. Nummer 17 und 18. Ich trug sie in den Keller und machte mir Gedanken über die totale Sinnlosigkeit meines Lebens. Andererseits: Gerade die ist doch eigentlich schön! Was wäre ich denn, wenn alles nicht so verdammt vergeblich wäre? Es fehlten mir die Aufgaben und ich wäre nur ein unnützer Wicht. Dann doch lieber Sisyphos.