Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.12.2015

453_Generation Storno

Verträge sind in der heutigen Zeit offensichtlich nichts mehr wert sind. Von wegen pacta sunt servanda und so. Pacta sunt das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. So sieht’s aus. Man muss ja bloß die Nachrichten ansehen. Egal, ob es um Europa, das Klima oder die Beschäftigungsverhältnisse von Fußballprofis geht: Wann immer über Verträge gesprochen wird, folgt der Zusatz, dass diese ja eh nicht ernsthaft bindend seien. Meine Kinder nehmen sich an dieser Kultur des Regelbruchs ein Beispiel und kennen praktisch keine Vertragsbindung mehr.
Sie tauschen auch ständig alles um. Meine Tochter hat vermutlich noch keine einzige Hose gekauft, die sie nicht umgehend wieder zurückgegeben hätte. Sie und ihre Freunde leben in einer Welt, in der man sich niemals festlegt. Nicht auf eine Musikrichtung, nicht auf eine Haarfarbe, nicht auf eine Haltung, nicht auf einen Lebensentwurf. Sie sind der Alptraum der Demoskopen und Meinungsforscher. Keine Ahnung, ob die Soziologie für diese modernen Menschlein schon einen Begriff erfunden hat. Ich würde ja vorschlagen, wir nennen sie „Generation Storno“. Es ist im Grunde nicht sehr schwer, mit ihr unter einem Dach zu leben, es sei denn, man ist ein Vertragspartner alter Schule. So wie ich.
In der Hand halte ich einen Vertrag, den wir als vermeintlich moderne Familie vor einiger Zeit abgeschlossen haben. Diese Methode zur Organisation von Alltagspflichten hatten Sara und ich aus einer Zeitung. Darin stand, dass man mit seinen Kindern Rechte und Pflichten schwarz auf weiß festhalten solle, um im wahrscheinlichen Krisenfall in bilateralen Gesprächen auf Eckpunkte des Papiers verweisen zu können. Es wurde zum Beispiel festgelegt, dass immer eines unserer Kinder entweder den Tisch decken oder abräumen müsse. Im Gegenzug würde immer ein Elternteil kochen. Es stehen darin auch Computer– und Fernsehzeiten, sowie Vereinbarungen zur Raumpflege, die darauf hinauslaufen, dass in den Zimmern der Kindern nichts aufbewahrt werden darf, was zwar einen Pelz hat, sich aber nicht bewegt. Außerdem wurde der Besucherstrom in Carlas Gemächer in der Weise geregelt, dass Gäste keine Getränke mitbringen dürfen, dafür aber auch nicht erst zwecks erkennungsdienstlicher Maßnahmen durchs Wohnzimmer geleitet werden müssen.
Es war ein Paragraphenwerk, gegen das die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wirkt wie die Bauanleitung in einem Überraschungsei. Ich war sehr stolz darauf, obwohl ich mich darin verpflichtet hatte, sämtliche Führerscheinversuche meiner Kinder zu bezahlen, auch wenn das Risiko besteht, dass Carla so oft zur Prüfung antritt, bis man ihr die Fahrerlaubnis ehrenhalber verleiht. Aber egal. Ich stehe zu meinem Wort. Da bin ich allerdings der Einzige.
Nick begann bald mit einer sehr eigenwilligen Auslegung einzelner Paragraphen. Zum Beispiel war er der Ansicht, dass man Jacken nur dann vertragsgemäß aufhängen müsse, wenn auch ein Bügel da sei. Der Vertragstext sei eindeutig. Wenn gerade kein Bügel frei sei: Boden. Dann musste ich feststellen, dass er eigenmächtig und handschriftlich im Vertrag herumgepfuscht hatte. Er müsse nur den Tisch decken, wenn es etwas gebe, was ihm schmecke, hieß es darin eines Tages. Er fügte auch neue Absätze ein. Zum Beispiel in dem Teil, in dem es um die Mitarbeit beim Schneeschippen geht. In Artikel drei steht nun, dass Nick sich dazu verpflichtet jede einzelne Schneeflocke eigenhändig und prompt zu beseitigen, und zwar in den Monaten Mai, Juni, Juli, August und September. In allen anderen Monaten sei er dafür von diesem Dienst befreit.
Ich komme mir irgendwie betrogen vor, zumal sich an meinen Pflichten rein gar nichts geändert hat. Aber ich freue mich darüber, dass mein Sohn offenbar das Zeug zu einem erfolgreichen Staatsmann hat. Und es müssen ja nicht immer große historische Sätze sein, die man so einem noch nach Jahrhunderten bewundert zuschreibt. Manchmal reichen auch rasch hingeworfene Gedanken. Wie bei Nick. Der sah heute Morgen aus dem Fenster und sagte dabei mehr zu sich als zu mir: „Ich liebe den Geruch von Döner in meinem Bademantel.“