Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.12.2015

455_Birnen-Schwarzmarkt

Meinen Nachbarn Dattelmann wird eines Tages der Blitz treffen, weil Gott sich seine Geschmacklosigkeiten nicht länger bieten lässt. Oder weil irgendein gesellschaftlich integres Nagetier ein Stromkabel anknabbert und Dattelmann hineingreift. Vor ein paar Jahren hat er mit einem leuchtenden Rentier angefangen. Das ging ja noch. Sah aus wie eine Reklamefigur für Sojamilch. Dann kam der bescheuerte Nikolaus hinzu, der an Dattelmanns Balkon hochklettert und eine Taschenlampe in der Hand hält. Immer, wenn ich diese Gruselgestalt zum ersten Mal im Jahr sehe, erschrecke ich mich zu Tode. Eines Tages erschieße ich sie. Vor zwei Jahren hat Dattelmann dann damit begonnen, die Umrisse seines Hauses in Licht zu tauchen. Es gibt jetzt ein ausgezeichnetes Ziel für Angriffe aus dem Weltraum ab. Und in diesem Jahr schaffte er einen Christbaum aus Plastik an, der seit Wochen in seinem Garten steht, blau leuchtet und blinkt wie ein Techno-Club. In der Zeitung stand, dass man von so einem Stroboskop-Licht epileptische Anfälle bekommen kann. Ich glaube, wenn ich das Ding noch drei Tage länger aus dem Küchenfenster ansehen muss, ist es bei mir soweit.
Wir hatten diesem Deko-Terror nie etwas entgegenzusetzen. Bei uns leuchtet es auch nur innen Ursache der Pracht war immer eine alte Lichterkette, die wir auf dem Flohmarkt gekauft haben, als die Kinder noch klein waren. Seitdem holen wir sie einmal im Jahr raus, ich hänge sie auf und alle freuen sich. Sie gebiert ein warmes Licht aus zehn wundervollen konventionellen dimmbaren 60-Watt-Birnen mit zauberhaften Glühfäden. Am Tag vor Heiligabend entwirrte ich das Kabel, hängte alles an seinen Platz und steckte den Stecker in die Steckdose. Das Ergebnis war enttäuschend. Völlige Dunkelheit. Ich musste feststellen, dass sämtliche Birnen durch die Raschelprüfung fielen.
Am Vormittag des heiligen Abends zog ich los, um neue Birnen zu erwerben. Aber im Supermarkt gab es nur ekelhafte Energiesparleuchten, die schon ausgeschaltet so hässlich sind, dass ich lieber freiwillig in Dattelmanns Garten als in mein Wohnzimmer sehen würde. Im Baumarkt führten sie auch keine alten Glühbirnen, dafür alle möglichen LED-Leuchten. Die wenigen Halogenspots hatten falsche Sockel oder gar keine. Ich wurde allmählich panisch. Ich fragte einen Verkäufer, ob er nicht mal nachsehen könne, ob nicht irgendwo in einem Wurmloch des gigantischen Marktes ganz normale Glühbirnen zu finden seien. Von mir aus auch gebrauchte, in einer Abstellkammer.
Der Mann schaute sich um, beugte sich vor und sagte: „Sie suchen Glühlampen mit Wolframdraht. So richtig schön verbotene glühende Babys mit Energieeffizienzklasse E.“ Ich nickte. „Sie sind ein Birnenjunkie, was?“ fragte er. Und ohne meine Antwort abzuwarten sagte er: „Ich kann ihnen helfen. Für einen Zwanziger verrate ich Ihnen eine zuverlässige Quelle.“ Ich gab ihm zwanzig Euro. Dafür hätte ich früher meinen Bedarf an Glühlampen auf Monate hinaus gedeckt. Der Verkäufer zog einen kleinen Notizblock hervor und notierte darauf eine Adresse. „Klopfen Sie drei Mal kurz und zwei Mal lang an die Tür. Der Mann, der Ihnen aufmacht, heißt Boris, die Birne. Er hat Stoff aus Russland. Nicht billig, aber gut. Grüßen sie ihn vom Franz.“ Damit ließ er mich stehen.
Ich fuhr zu Boris, der Birne und er zeigte mir sein Sortiment. Franz hatte nicht gelogen. 60 Watt, 75 Watt, 100 Watt. Matt und glänzend, jede Sockelgröße, alles kyrillisch beschriftet. Ein Paradies für Lichtfreunde. Ich kaufte zehn sechziger, zwei 75ger und vier 100er. Das kostete 120 Euro. Immerhin: Boris, die Birne schenkte mir noch eine 25ger mit kleinem Sockel. Gegen15 Uhr war ich zuhause und wechselte sämtliche Birnen. Ich steckte den Stecker ein, es knallte und sämtliche Leuchten brannten durch. Dann entdeckte ich die Ursache für das Desaster. Irgendein Nagetier hat vom Kabel gegessen. Sara seufzte, fuhr in den Supermarkt und kehrte mit 10 Energiesparleuchten zurück. Ich kürzte das Kabel und wir schraubten die doofen Dinger ein. Dann war Bescherung. Es war schön wie immer. Auch wenn unser Wohnzimmer aussah, als hätten wir vor, das Christkind am Blinddarm zu operieren. Ich muss morgen noch mal zu Boris, der Birne.