Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.03.2016

466_ Merkels Geheimnisse

Mein Schwager ist der größte Verschwörungstheoretiker der Welt. Vorgestern mussten wir zu ihm und seiner Frau Lorella. Wir brachten ihnen den Brotbackautomaten zurück, den sie uns geliehen hatten. Sie backen selber, seit sie wissen, dass die Brote in den deutschen Bäckereien staatlicherseits mit einer Substanz versetzt werden, die uns alle etwas tüddelig macht. Wer morgens in ein Brötchen beißt, der vergisst, anschließend zur Revolution zu gehen. Jürgen hat es erkannt. Brot selber backen war dann ein schönes Erlebnis, wenn man davon absieht, dass das Gerät eine größere Schraube in der fertigen Backware hinterlässt. An der Stelle kaut es sich immer etwas schwierig.
Ich hatte das Ding kaum in der Küche abgestellt, da fragte mich Jürgen: „Was hältst Du eigentlich von Angela Merkel?“ Ich antwortete so diplomatisch wie möglich, weil ich nicht wusste, worauf er hinauswollte. Gespräche mit ihm können sehr lange dauern. Manchmal so lange, bis er sich selber in den Schlaf geredet hat. Jürgen klappte sein Laptop auf und startete eine Power-Point-Präsentation. Auf dem ersten Chart war die Kanzlerin zu sehen. In einem roten Blazer. „Hier siehst Du Frau Merkel,“ sagte Jürgen. „Sie hält eine Rede. Meine Frage ist nun: Wer spricht?“ Ich sagte: „Angela Merkel?“ Er lachte höhnisch. „Genau, das sollen wir denken. Dabei ist alles, was sie sagt, vollkommen unwichtig. Das wesentliche sagt nicht sie, sondern ihr Blazer.“ „ Angela Merkels Jacke kann sprechen?“ Ich war fassungslos. Dann erläuterte Jürgen mir den perfiden Trick, mit dem eine geheime Weltregierung untereinander sowie auf sublime Weise mit uns Bürgerinnen und Bürgern kommuniziert.
Ich fasse zusammen: Frau Merkel trägt bei 21,9 Prozent aller Auftritte grüne Blazer. Grau sind sie in 14,3 Prozent aller Fälle und blau bei 13,8 Prozent. Diese und weitere acht Farben sowie das Material der Jacken, welches zwischen Samt und einem kratzigen Leinenstoff changiert, äußern sublime Mitteilungen. Bei einem Fototermin mit Sternsingern zum Beispiel ist Frau Merkel in einem nahezu purpurnen Jackett zu sehen und laut Jürgen dient das der Mitteilung, man könne mit der Invasion Österreichs beginnen.
Aus einem Foto mit einem orangefarbenen Jackett hat Jürgen Unterwerfungsgesten Richtung USA herausgelesen sowie den Satz „Gabriel kommt nach Guantanamo.“ Und in einem hellblauen Modell warnt sie davor, dänische Zwiebeln in Schweden einzuführen, warum ist Jürgen jedoch unklar. Wichtig sind auch die Knöpfe am Blazer. Sie stehen für die Relevanz der Nachricht. Auf 76 Prozent aller Bilder trägt die Kanzlerin drei Knöpfe an der Jacke, das sind die nicht so wichtigen Mitteilungen. Vier Knöpfe sieht man auf 20,5 Prozent der Fotos, da handelt es sich um dringende Botschaften. Und wenn sie, wie in 3,5 Prozent aller Fälle, nur einen Knopf trägt, dann brennt der Baum. Wie bei jener Meldung, die sie letztes Jahr in einem pinken Blazer absetzte: „Der Tunnel ist fertig, ihr könnt kommen.“
„Und an wen richtet sich das? Und was für ein Tunnel soll das sein?“ fragte ich fasziniert. Jürgen klappte seinen Rechner zu und sagte: „Der Tunnel führt zum Weltherrscher. Kim Jong Un. An ihn berichten sie Alle. Putin. Obama. Merkel. Das ist klar. Überleg doch mal: Merkel hieß mit Mädchennamen Kasner. Da steckt Korea praktisch drin. Fast dasselbe Wort. Das darauf noch keiner außer mir gekommen ist.“ „Ja,“ sagte ich. „Nordkasner und Südkasner.“ Ich hatte starke Zweifel an Jürgens Theorie und fragte ihn: „Warum machen die sich so eine Mühe? Warum telefonieren die nicht einfach alle miteinander wie normale Menschen?“ Da stand Jürgen auf, näherte sich mir auf zehn Zentimeter und raunte: „Weil wir alle abgehört werden.“ „Und von wem?“ Darauf zeigte Jürgen in den Himmel. „Von einer interplanetarischen Außenstelle, die auf der angeblich dunklen Seite des Mondes stationiert ist. Man kann sich dagegen nicht schützen. Nicht einmal mit einem Aluminiumhut.“
Das hat mich letztlich überzeugt und aber auch beruhigt. Denn wenn man dagegen nichts ausrichten kann, sollte man damit leben. Ich fuhr in die Bäckerei, kaufte ein Elsässer Brot und nach einer Käsestulle hatte ich den ganzen Unsinn fast schon wieder vergessen.