Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.01.2016

458_Wisch und weg

Zu den wesentlichen Kulturtechniken der Gegenwart gehört offenbar das telefonische „Wegdrücken“ von Mitmenschen. Das war mir bisher nicht klar, auch wenn ich das selber durchaus öfter praktiziere. Jedenfalls am Rechner. Eingehende Mails werden von mir entweder beantwortet oder sofort gelöscht. Ich halte das für ein Menschenrecht. Schließlich ist man ja auch nicht dazu verpflichtet, die Haustür zu öffnen, bloß weil es klingelt. Wenn man nicht will, bleibt sie zu. Und bei Mails ist es für mich dasselbe.
Mit dem Telefon verhält es sich bei mir jedoch anders. Da gehe ich dran. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Telefone noch Schnüre hatten. Angerufen zu werden oder gar selber jemanden anzurufen war in den siebziger Jahren zumindest für Kinder noch etwas Aufregendes. Meine Eltern brachten mir bei, dass man sich mit dem ganzen Namen meldet, um Verwechslungen auszuschließen und aus Höflichkeit. Ich kannte noch Familien, in denen die Eltern erst ihren Namen und dann: „Am Apparat“ sagten. So Elisabeth-Flickenschild-im-Edgar-Wallace-Film-mäßig. Am besten noch mit „Sie wünschen“ hintendran. Man überlegte sich genau, ob man überhaupt und wenn ja zu welcher Zeit man anderswo anrief. Habe ich alles noch so gelernt. Und daher gehe ich immer dran, wenn es klingelt. Ich erwähne das in dieser Ausführlichkeit, weil meine Kinder mit diesem Medium völlig anders umgehen.
Wenn mein dreizehnjähriger Sohn ans Telefon geht, klingt er jedes Mal, als sei er aus einem mehrjährigen Tiefschlaf erwacht. Er sagt nicht, wie er heißt, sondern „Yo?“ Ich habe ihm tausende Male gesagt, er solle gefälligst seinen Namen sagen. Er befindet sich im Stimmbruch, manchmal klingt er wie ich. Und ich melde mich nicht mit „Yo?“, erst Recht nicht, wenn meine Verlegerin dran ist. Oder der Bundespräsident. Vielleicht ruft er ja mal an. Johannes Rau soll das öfter getan haben. Er ließ sich zu Bürgern durchstellen und wenn die sich meldeten, begann er das Gespräch mit: „Guten Tag, hier ist Ihr Präsident.“ Wenn Herr Gauck das auch macht, möchte ich nicht, dass er mit „Yo?“ begrüßt wird.
Manchmal sagt Nick auch gar nichts. Er hört nur lange zu und leiert dann: „Das können Sie meinem Vater gleich alles noch einmal sagen.“ Was ebenfalls vorkommt: Er sagt „Yo?“ und reicht das Telefon dann wortlos weiter wie eine Friedenspfeife. Meine Kinder haben so gar nichts Flickenschildisches in ihrem Kommunikationsrepertoire. Erst Recht nicht, wenn sie mit ihren eigenen Telefonen zugange sind. Und da entwickelt sich offenbar das Wegdrücken von Gesprächen zu einer eigenen Form der Kommunikation, wie ich vorhin feststellen durfte, als ich Carla und Nick dabei beobachtete, wie sie ein Gespräch nicht führten. Sie saßen auf der Couch und Nicks Handy klingelte. Nick sagte: „Das ist Pauline.“ Ein sehr nettes Mädchen. Ich glaube, Nick ist ein bisschen in sie verknallt.
„Drück sie weg,“ befahl Carla.
„Warum denn, ich will mit ihr reden,“ sagte Nick.
„Drück sie weg,“ wiederholte Carla. „Vertrau mir. Sie wird noch einmal anrufen. Dann drückst Du sie wieder weg.“
„Also guuut,“ sagte Nick und drückte an seinem Handy die rote Taste. Wenige Sekunden später klingelte es erneut. Abermals Pauline. Nick nahm das Gespräch wieder nicht an, wirkte jedoch etwas ratlos. „Und jetzt?“, fragte er seine Schwester. „Jetzt wartest Du eine Minute und rufst bei ihr an. Wenn Sie Dich wegdrückt, ist die Sache klar. Dann seid Ihr so gut wie zusammen.“ Er wartete einen Moment, dann drückte er auf „Rückruf.“ Es klingelte drei Mal, dann wurde er von Pauline weggedrückt. „Siehst Du?“ rief Carla. „Sie hat Interesse. Sonst würde sie Dich nicht wegdrücken.“
So ging das eine ganze Weile. Schließlich telefonierten die beiden irgendwann doch noch. Sie sind heute fürs Kino verabredet. Offenbar funktioniert die Sache mit dem Wegdrücken, ist aber wohl eher was für Pubertiere. Als ich vorhin meine Frau wegdrückte schickte sie mir eine SMS. In der stand: „Spinnst Du?“ Nach zwanzig Jahren Ehe ist Wegdrücken offenbar nicht allererste Wahl, um das Interesse der Partnerin zu wecken.