Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.01.2016

459_ Meine Fahrlehrerin

In den Augen der Kinder wird man immer kleiner, je älter sie werden. Irgendwie logisch. Ihr Horizont öffnet sich. Es ist faszinierend, wie sie immer weiter schauen, wie sie über die Armaturen hinweg auf die Straße des Lebens sehen und mehr und mehr vom Leben mitbekommen. Und von der Straßenverkehrsordnung. Es ist nämlich so, dass Carla in die Fahrschule geht. Und seitdem bin ich ihrer ständigen Kritik ausgesetzt.
Das war schon vorher so und gilt auch für Nick. Er ist noch nicht ganz angeschnallt und meckert bereits übers Unterhaltungsprogramm. Mein Musikgeschmack sei lame und er wünsche, dass ich einmal auf zwei Rädern um die Ecke biege. Das müsse ja wohl bitteschön drin sein. Die Tatsache, dass ich auch nicht über zehn brennende Schrottautos springe und nicht an drive-by-shootings teilnehme veranlasste ihn schon öfter, mich einen Oldtimer zu nennen. Carla hat beim Thema „Auto“ ein anderes Reibungspotenzial entdeckt. Sie maßregelt mich. Sie Straßenverkehrsordnungsmaßregelt mich. Kaum sitzen wir im Wagen, fragt sie mich, was ich jetzt vorhätte: „Ich fahre zu Tengelmann, solange es ihn noch gibt,“ sage ich. „Falsch!“, kräht sie los. „Du vergewisserst Dich, dass Innen– und Außenspiegel richtig eingestellt sind. Und Du machst einen Kontrollgang um Deinen PKW, um Schäden oder austretende Flüssigkeiten festzustellen.“ Sie verschränkt die Arme. „Ich gehe ums Auto? Ich bin doch kein Flugkapitän. Bei Dir piept’s wohl.“
Wir fuhren los, in den Kreisverkehr. Manchmal blinke ich beim Rausfahren. Manchmal auch beim Reinfahren. Und manchmal gar nicht, wenn niemand da ist, den es interessieren könnte. „Patsch“, nicht geblinkt, sagte Carla und notierte die Verfehlung in ihrem Kopf. Am Stoppschild zählte sie laut die Sekunden, die ich nicht gestanden hatte. Auf der Landstraße empfahl sie, früher zu schalten, denn „auf diese Weise kannst Du Geld sparen und die Umwelt schonen.“ Vor dem Supermarkt erkannte ich die ideale Parklücke und stieß darauf zu wie ein Habicht. Aber im allerletzten Moment wurde sie mir von einem älteren Mann weggeschnappt, den ich dafür ausgiebig, aber bei geschlossener Scheibe anmopperte. Meine Tochter stellte daraufhin fest, dass bei mir womöglich ein Anti-Aggressionstraining angebracht sei. Und ob sie mich mal beim Meckern filmen dürfe.
Irgendwie ging sie mir langsam auf die Nerven. Ich finde, Fahrgäste sollten sich mit wohlfeiler Kritik am Fahrstil (und am Unterhaltungsprogramm) zurückhalten, jedenfalls solange sie nichts für die Fahrt bezahlen. Im Taxi sieht die Sache anders aus. Aber ich bin sowenig Taxifahrer, wie ich Flugkapitän bin. Außerdem sind die Kinder noch auf mich angewiesen, was Chauffeurdienste angeht. Zumindest noch bis September muss ich Carla regelmäßig von weit abgelegenen Partys abholen. So wie am letzten Wochenende. Wir haben die Vereinbarung getroffen, dass sie anruft, wenn es keine sichere Transportalternative gibt. Da bin ich eigen und die Uhrzeit ist mir egal. Also klingelte mein Telefon um 4:18 Uhr und meine Tochter bestellte mich zu Marlons Party, die offenbar gerade zu Ende ging. Jedenfalls hörte ich im Hintergrund eine mehrstimmige und stark angeheitert klingende Darbietung von „New York, New York“. Bevor sie auflegte, fragte sie, ob ich getrunken habe und teilte mit, dass es ihr lieber sei, wenn es ein paar Minuten länger dauere, denn ein kaputtes Auto nutze ihr nichts.“ Eigentlich eine Frechheit.
Zwanzig Minuten später stieg sie glühend von der Partynacht ins Auto und sagte in leierndem Fahrschullehrerton: „Wir drehen den Kopf nach hinten und sehen nach, ob ein Partygast im Weg liegt. Dann legen wir den Rückwärtsgang ein und bringen schön vorsichtig unsere Tochter nach Hause.“
Bevor sie kurzfristig einnickte lernte ich noch etwas. Es hatte zum Glück nichts mit Autofahren zu tun. Eher mit Sprache. Ich lernte nämlich auf dieser Fahrt ein neues Wort. Wie nennt man eine Party mit deutlichem Jungsüberschuss? Wurstsalat. Ich lachte laut. Sie zischte noch: „Guck auf die Straße“, dann schloss sie die Augen. Ich fuhr 13 Kilometer über Land und ich weiß auch nicht warum, aber ich hatte wahnsinnig gute Laune. Wurstsalat.