Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.02.2016

460_Faserfreie Freundin

Es kommt ja wirklich nicht oft vor, aber bei dieser Trend-Erscheinung bin ich mal nicht bloß ein Early Adopter oder Trittbrettfahrer, sondern praktisch Allererster, sozusagen Pionier gewesen: Ich habe nämlich bereits vor sieben Jahren täglich: Eine Mango gegessen. Ich probierte auch Papaya und Khaki, aber besonders bei der zweitgenannten Frucht ist mir vollkommen rätselhaft, wofür sie gut sein soll. An der Mango gefiel mir hingegen auf Anhieb die aufregend süßsäuerliche Geschmacksexplosion, aber auch die bissfeste, mitunter leicht ins glitschige spielende Textur sowie die Farbe der Südfrucht. Dieses leuchtende und makellose Gelb ist für mich sozusagen: Karibik aus der Hosentasche.
Noch vor zwanzig Jahren galten Mangos als gefährdete Pflanzen, inzwischen gibt es die Dinger in der wenig aufregenden Sorte Kent für einen Euro pro Stück bei Rewe. Die Billigvariante besitzt alle ballistischen Eigenschaften eines Pflastersteins und und innen weist sie dieselbe sinistere Konsistenz auf wie eine alte Kartoffel. Selbst bei längerer Lagerung wird sie nicht reif, sondern ohne Umweg über eine wenigstens kurz aufblühende Köstlichkeit innen faul. Dann schmeckt sie vergoren und man ist nach dem Genuss betrunken.
Obwohl also nichts für die Massenmango spricht, ist diese offensichtlich nicht aufzuhalten. Sie ist die Kiwi der Zehnerjahre. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie die ersten Kiwis in meinem Elternhaus auftauchten. Ende der siebziger Jahre. Wir waren begeistert, auch weil sie aussahen wie die Klöten unseres Hundes. Damals wie heute erfreuten wir uns an einem höchst exotisch scheinenden Geschmackserlebnis, auch wenn sich dieses natürlich nicht verifizieren ließ. Das ist nämlich das Problem mit Aromen: Wer nie in Costa Rica eine Mango gegessen hat, weiß gar nicht, wie so ein Teil schmecken wollte, als es auf die Welt kam. Die Lebensplanung einer Mango läuft ja darauf hinaus, langsam zu reifen und dann keine weiten Reisen mehr zu unternehmen.
Beides ist inzwischen nicht mehr der Fall. Millionen und Abermillionen Tonnen Mangos werden jedes Jahr in der Karibik geerntet und dann auf Schiffen nach Europa gebracht. Die schiere Menge der von der einen Erdhälfte zur anderen Erdhälfte exportierten Früchte hat dazu geführt, dass der Planet von dem zusätzlichen Gewicht in unserer Weltgegend leicht eingedrückt wurde. Die Erdrotation hat durch den Mango-Massenimport deutscher Supermärkte bereits eine leichte Unwucht erhalten. Das Wetter wird offensichtlich dadurch manipuliert. Meteorologen sprechen in diesem Zusammenhang schon von El Mango, der dem El Nino spielend den Rang als Klima-Unhold streitig macht.
Und dieses ganze Theater wegen einer Frucht, die nie die Chance hatte, ihr Aroma zu entfalten. Aber dies ist kein singuläres Problem. Die meisten Menschen wissen nicht einmal mehr, wie ein Apfel schmeckt, weil sie lieber saure Apfelringe von Haribo kauen. Mit der Erdbeere verhält es sich ähnlich. Und weil inzwischen völlig egal ist, wie etwas in Wahrheit schmeckt, panscht die Lebensmittelindustrie munter zusammen, was irgendwie knallen könnte. Bemerkenswert ist die Karriere der total langweiligen Drachenfrucht, die früher einmal als Dessert, inzwischen aber fast nur noch in Getränken vorkommt, ohne dass jemand genau beschreiben könnte, wonach Drachenfrucht schmeckt. Nach Drachen?
Im Supermarkt lechzen die abstrusesten Kombinationen auf Etiketten um Aufmerksamkeit. Joghurt in der Geschmacksrichtung Mandarine-Dattel. Oder Limonade der Sorte Pink Grapefruit und Cranberry. Oder Blutorange-Kaktusfeige. Pfirsich-Weißwein. Nur in der Shisha-Szene ist das Doppelaroma noch nicht angekommen, wenngleich der Fachhandel allerhand lustige Sorten für den meist juvenilen Wasserpfeifenschmaucher führt, zum Beispiel Lakritz, Popcorn, Tropenfrüchte, Cola und sogar: Tabak. Die Mango, meine Königin der Früchte, meine Göttin des Obsttellers, meine ewige faserfreie Freundin, wurde noch nicht zu tief in den Abgrund der Aromen-Industrie hinabgezogen. Aber das dauert bei ihrer enormen Popularität nicht mehr lange. Es ist nur eine Frage der Zeit bis zu Muskatnuss-Mango. Mango-Zement. Und Mettwurst-Mango.