Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.02.2016

461_Die Floh-Affäre

Am Freitag saß ich im Büro und fragte mich, wie das Weiße Haus von hinten aussieht. Man kennt ja im Grunde nur eine Ansicht, denkt man jedenfalls. Aber in Wahrheit wird das Weiße Haus mal von vorne, mal von hinten abgebildet und für den Laien sehen sich Nord– und Südansicht ziemlich ähnlich. Die Fassaden unterscheiden sich jedoch dadurch, dass die Nordseite vier Säulen aufweist und die Südseite eine halbrunde Loggia. Das ist eigentlich die Rückseite. Sie wird aber häufiger fotografiert und präsentiert sich den Touristen daher quasi als Vorderseite, welche aber in Wahrheit die andere ist, weil sich dort der Haupteingang befindet.
Nachdem ich diese wichtige Ermittlungsarbeit per Internet-Recherche zufriedenstellend abgeschlossen hatte und den Computer ausschalten wollte, kam Nick rein. Mein Sohn kreuzt selten in meinem Büro auf, weil es ihm dort zu langweilig ist. Er findet es gut, wenn ich ungestört arbeite, denn solange ich im Büro sitze, kann ich ihm nicht verbieten, auf Minecraft ein Casino zu bauen oder online ein U-Boot bei einem amerikanischen Versand für Kriegsgerät zu bestellen. Nun aber setzte er sich auf die Couch und begann mit einem umständlichen Monolog über Abo-Fallen. Er erklärte mir, dass es einige Fälle von krasser Handy-Abzocke in seiner Klasse gegeben habe. Vollkommen unverschuldet seien mehrere Freunde irgendwelchen SMS-Diensten auf den Leim gegangen. Nun müssten die Eltern umständlich diese Abonnements kündigen. Es sei ihm und seinen Kumpels schleierhaft, wie die Verträge zustande gekommen seien. Nick mutmaßte, dass diese Abos einfach so und unkontrollierbar von einem Handy auf das andere überspringen würden. Wie Flöhe oder so.
Ich frage ihn, ob sein Handy nun auch Flöhe habe und er errötete zart. Deswegen sei er zu mir gekommen. Er habe soeben festgestellt, dass sein Mobiltelefon offenbar in der Schulpause zu dicht an das von Jonas geraten sei. Nur auf diese Weise habe es zu einer Infizierung seines Handys kommen können. Er habe das gerade erst bemerkt. Ich bat ihn um sein Telefon.
Auf dem Display stand: „Info: Dein Status ist Platin. Du hast Recht auf eine Wixxvorlagen-MMS mit echten Amateurludern und drei geheimen (S)Extras! Sende PLATIN an undsoweiterundsofort.“ Soso. Amateurluder und (S)Extras. Ich dachte kurz darüber nach, ob es im Diamant-Status eventuell Profiluder gibt und musste grinsen. Aber Nick sah mich an wie eine zum Tode verurteilte Feldmaus. Ihm war die ganze Angelegenheit wahnsinnig peinlich. Wir sprachen also nicht weiter darüber. Ich sagte ihm nur, dass die flohartige Übertragung für mich sehr plausibel klinge und ich mich um ein geeignetes Mittel zur Entlausung seines Telefons kümmern werde. Dann schlich er vonhinnen und ich machte mich daran, herauszufinden, wer diese miesen Flöhe in Umlauf bringt.
Natürlich muss Nick gar nichts zahlen, denn ohne Saras oder meine Einwilligung kann er gar kein Abo abschließen. Also zahlt niemand, man sperrt beim Handytarif die Möglichkeit der Abbuchung durch Dritte, droht mit dem Anwalt, die Aufregung ist vorüber und das Handy entflöht. Ich gab es ihm zurück und er schwor, niemals wieder so dicht neben Jonas zu stehen. Ich nickte und die Sache war erledigt. Solche Schweine. Wer auch immer hinter diesen Abotricks steckt, macht ein riesiges Geschäft. Ein Viertel aller Jugendlichen zwischen 12 und 21 Jahren fallen angeblich irgendwann mal darauf herein und auch genug Erwachsene. 20 000 Internet-Nutzer schließen jeden Monat ein schwindliges Internet-Abo für Hausaufgabenhilfe, Ahnenforschung, Online-Spiele oder anderen Quark ab.
Das kommt in den besten Familien vor, sicher sogar in den allerbesten. Vielleicht führen sie im Weißen Haus auch manchmal beim Abendessen Gespräche darüber. Präsident Obamas Tochter Natasha ist ungefähr in Nicks Alter. Wer weiß, womöglich hat sie ebenfalls schon aus Versehen Horoskope oder Songtexte abonniert. Der Vater hat es dann auch nicht leicht, aus der Nummer wieder heraus zu kommen. Womöglich muss er sich genau wie ich die Finger wund wählen, um den Spuk zu beenden. Oder er schickt einfach eine Drohne und löscht das Hauptquartier der Handy-Abzocker mit einem gezielten Angriff aus. Meinen Segen hat er.