Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.02.2016

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Die erste große Liebe begleitet den Menschen durchs ganze Leben. Sagt man immer so. Aber ich habe meine erste Freundin tatsächlich für viele Jahre einfach vergessen. Meistens endet diese erste große Gefühlsaufwallung ja als später verdrängtes Trauerspiel, ganz oft mit dramatischem Showdown an der Bushaltestelle, auf einer Kellerparty oder in einem Schnellrestaurant. Traumatische Erlebnisse, Schule des Lebens. Alles schrecklich. Insofern würde ich meinen Kindern gönnen, dass sie die erste große Liebe niemals erleben und einfach gleich mit der zweiten großen Liebe beginnen, um sich das ganze Theater mit der Ersten zu ersparen. Leider bin ich nicht endgültig darüber informiert, ob dieses Drama bei Carla und Nick bereits zur Aufführung gekommen ist. Bei Carla könnte es sein, aber ich fürchte, traumatisch waren die Beziehungen bisher eher für die Jungs, die von ihr im Rotationsverfahren ein– und ausgewechselt werden. Pep Guardiola ist gegen meine Tochter geradezu zögerlich, was seine Reservebank-Politik betrifft.
Ein Gesprächsversuch mit Nick über dieses heikle Thema ergab eine Art Fehlermeldung seinerseits. Auf meine Frage, was eigentlich so mit den Mädchen sei, reagierte er mit einem Geräusch, dass sich anhörte wie der vergebliche Versuch eines 56k-Modems, über die Telefonleitung ins Internet zu gelangen. Dann zeigte er mir einen Vogel, was als Antwort durchaus deutbar ist, denn es kann ja bedeuten, dass die Mädchen allesamt spinnen – oder ich mit meiner Frage. Ich insistierte lieber nicht, denn ein Psychologe hat mir mal erklärt, dass man Antworten bei Jugendlichen keinesfalls erzwingen soll, weil sie sonst später unter hartem Stuhl leiden und bindungsunfähig durchs Leben treiben wie so genannte Tumbleweeds über die staubige Hauptstraße von Carson City.
Außerdem reden Dreizehnjährige Jungs grundsätzlich ungern über delikate Angelegenheiten. Habe ich in seinem Alter auch nicht gewollt und ich bin bis heute sehr froh darüber, dass meine Eltern das nicht herausgefordert haben. Wobei meine erste große Liebe noch viel früher stattfand. Ich war zehn. Ihr Alter kenne ich bis heute nicht, ihren Namen habe ich mir ausgedacht, denn sie hatte keinen. Für mich hieß sie deshalb Michaela. Und ich habe sie vergessen. Jahrzehntelang habe ich nicht an sie gedacht. Aber heute bei der Zeitungslektüre fiel sie mir wieder ein. Mitsamt dem ganzen Schmerz.
Ich las nämlich heute, dass Erwin Glonnegger im Alter von neunzig Jahren gestorben ist. Erwin Glonnegger war in den wesentlichen Jahren seines beruflichen Wirkens Programmleiter des Spieleverlags Ravensburg. Unter seiner Regie entstanden sowohl „Memory“ als auch „Malefiz“. Auf dem „Malefiz“-Brett waren vier Figuren abgebildet. Ein unrasierter Cowboy, eine langhaarige Dame im Abendkleid, ein bärtiger Opa – und Michaela. Sie hatte einen nahezu quadratischen Kopf und trug eine Schleife im Haar. In ihrer linken Hand hielt sie einen Würfel. Sie lächelte ein wenig scheu und sah nach unten. Um Himmels willen, was für ein tolles Mädchen.
Ich war hingerissen. Und ich stellte mir ein gemeinsames Leben mit Michaela vor. In meinen Träumen entstieg sie dem „Malefiz“-Brett und dann gingen wir Hand in Hand spazieren, weiter reichte meine Phantasie damals noch nicht. Unsere Beziehung blieb jedoch etwas einseitig, denn Michaela konnte nicht sprechen. Also redete ich einfach stundenlang auf sie ein. Leider ist nichts aus uns geworden, denn irgendwann musste ich einsehen, dass Brettspielcharaktere relativ festgelegt sind, was ihr Verhalten betrifft. Wenn wir in meinen Träumen durch die Nachbarschaft spazierten, legte sie mir ständig große weiße Steine in den Weg und betrachtete stumpf lächelnd den Würfel in ihrer Hand, als wartete sie auf eine Sechs. Das frustrierte mich enorm und schließlich wendete ich mich den echten Mädchen zu, die sich aber dann in den ersten Jahren ganz ähnlich verhalten haben wie Michaela.
Mein Sohn ist von leidvollen Liebeserfahrungen noch weit entfernt, glaube ich. Hoffe ich. Es sei denn, es gibt bei Minecraft auch weibliche Wesen. Wenn ja, ist es wahrscheinlich um ihn geschehen.