Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.02.2016

463_Berufsberatung

Das Misstrauen gegen den Journalismus ist riesengroß. Das musste ich gerade am eigenen Leib erfahren. Ulrich Dattelmann, der Vorsitzende der Schulpflegschaft, zwang mich nämlich dazu, beim Berufsberatungstag in der Schule die Tätigkeit des Journalisten zu repräsentieren. Er sagte, ich könne auch über das Schriftstellerwesen dozieren, das sei dasselbe wie Journalismus. Es ginge in beiden Fällen um den Verkauf von Märchen. Ich sagte zu, denn ich habe Angst, dass Dattelmann mir die Bürgerrechte entzieht, wenn ich nicht gehorche.
Am Samstag um zehn setzte ich mich an den Lehrertisch in Raum 118 und wartete auf Kundschaft. Es kam erst einmal niemand, außer Dattelmann. Ich solle mich mal ein bisschen in die Riemen legen. Der Oberstleutnant von nebenan habe Kuchen mitgebracht. Und der Siemens-Manager immerhin Kugelschreiber. Ich sagte, dass es der Glaubwürdigkeit des Journalisten-Berufes abträglich sei, wenn man den Nachwuchs mit billigem Plunder ködere. Den gebe es hinterher unter Vorlage des Presse-Ausweises ohnehin. Integrität sei jetzt das A und O, Stichwort Lügenpresse. Damit zeigte sich Dattelmann versöhnt und stattete der Bio-Käserin einen Besuch ab. Die hatte Ziegen-Brie aus dem Chiemgau dabei.
Gegen zwanzig vor elf setzte sich die 16jährige Elena zu mir und begann das Gespräch mit der Einlassung, sie habe schon immer davon geträumt, Reporterin zu werden. Ich fragte zurück, wer sie auf diese Idee gebracht habe und sie antwortete, Ihr journalistisches Idol sei Karla Kolumna. Der Name sagte mir nichts. In meiner Jugend hießen solche Leute Hanns Joachim Friedrichs. Oder Peter von Zahn. Im Gespräch stellte sich heraus, dass Karla Kolumna eine Freundin von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg ist und dass Elena genau genommen nur wie Karla Kolumna auf einem Motorroller durch die Gegend fahren möchte. Ich sagte ihr, dass dafür ein Studium nicht unbedingt, ein Führerschein jedoch obligatorisch sei. Das gefiel ihr. Dann kam sehr lange niemand. Und dann kam Felix.
Felix legte seinen Zweimeter-Körper auf dem Stuhl ab und begann die Unterhaltung mit der Frage, ob es ein cooler Move sei, Journalist zu werden. Ich bejahte dies dringend und begann einen kleinen Vortrag. Er unterbrach mich nach drei Sätzen und fragte: „Muss man da früh aufstehen?“ Ich sagte: „Eigentlich nicht. Die meisten Redaktionen beginnen so gegen zehn Uhr mit der Arbeit.“ Das mochte Felix, weil er keinen Bock habe auf Stress. Ich klärte ihn darüber auf, dass man in einer Redaktion dafür manchmal länger bleiben müsse. Da sei jetzt schon wieder voll der Druck drauf, jammerte er. Darauf erklärte ich ihm, dass der Leistungsdruck eigentlich in jedem Beruf eine gewisse Rolle spiele, es sei denn, man sei Imker. Da arbeiteten weitgehend die Bienen. Und man dürfe bei der Arbeit Pfeife rauchen. Da stand Felix auf und bedankte sich sehr dafür, dass ich ihm die Augen geöffnet habe. Als Imker könne er seine Leidenschaft fürs Shisharauchen und seine angeborene Faulheit am besten verbinden. Damit verließ er gut beraten den Klassenraum.
Als ich mich gerade vor lauter Hunger bei der Bundeswehr oder in der Käserei rekrutieren lassen wollte, kam Benjamin ins Zimmer, weil er ein Geschäftsmodell im Kopf habe. Er erläuterte mir, dass man in Magazinen und auch Online häufig Werbung sehe. Er habe sich gedacht, dass man noch mehr Anzeigen im Blatt haben könne, wenn man im journalistischen Teil nicht so negative Sachen und eklige Themen, sondern lieber nur über die schönen Dinge aus den Werbeanzeigen schriebe. Die Anzeigenkunden könnten sich sogar die Artikel gleich selber schreiben, das sei seine Vorstellung von einem modernen Journalismus und was ich davon hielte. Ich lobte ihn für seine publizistische Weitsicht und wünschte ihm alles Gute für den weiteren Lebensweg. Der Bursche wird seinen Weg machen, da bin ich sicher.
Danach kam nur noch Emma. Sie setzte sich zu mir, weil die Schlange vor der Käsefrau so lang war. Sie wolle mir Gesellschaft leisten. Journalismus finde sie cool, das sei so voll Eighties. Am Ende hatte ich also vier Besucher. Biokäse und Bundeswehr sind heute interessanter als Journalismus. Wir müssen intensiver um den Nachwuchs kämpfen. Beim nächsten Mal bringe ich Donuts mit.