Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.03.2016

464_Halbrechtes Trauma

Viele Menschen ziehen zur Verschönerung ihrer Lebensbilanz sportliche Erfolge heran. Bundesjugendspiele von vor 44 Jahren. Oder den Gewinn der Clubmeisterschaft damals 1977. Marathonläufe. Bei mir geht das leider nicht. Auch wenn ich nicht direkt unsportlich bin, muss man leider konstatieren, dass die Leiter meiner sportlichen Erfolge ziemlich kurz ist. Eigentlich ist es keine Leiter. Eher ein Tritt. Höchstens. Das liegt zum einen an mangelndem Ehrgeiz und zweitens daran, dass mir andere Dinge wichtiger waren als Sport.
Dennoch spielte ich als Junge Fußball. Halbrechts beim TUS Bösinghoven. Den Verein gibt es heute nicht mehr. Er wurde mit dem ASV Lank fusioniert und ist Geschichte. Egal. Das Spiel lief jedenfalls meistens an mir vorbei, was auch daran lag, dass ich bis zu meinem zehnten oder elften Lebensjahr nicht kapierte, wo links und rechts war. Dies erwies sich bereits zu Beginn des Spiels als echtes Handicap, weil ich nie so genau wusste, wo ich mich zum Anpfiff hinstellen sollte. Ich beobachtete, wo der Halblinke unserer Mannschaft Aufstellung nahm und begab mich dann auf die gegenüberliegende Position. Auch im Spiel achtete ich immer darauf, wo der Halblinke hinlief, um auf der anderen Seite zur Verfügung zu stehen. Ich bewachte sozusagen meinen Mitspieler, ließ gegnerische Angreifer deshalb meistens kampflos passieren. Wenn ich mal den Ball hatte, brüllte der Trainer „rechts rüber“ oder „nach links“, worauf ich den Mittelweg wählte und einen Pass geradeaus in den freien Raum spielte, welcher jedoch sowas von frei war, dass der Trainer sich die Hand auf die Stirn schlug. Der Mann hieß Bübi. Manchmal rief er, wenn ich den Ball hatte: „Komm, lass knacken.“ Das verunsicherte mich derart, dass ich stoppte und darüber nachdachte, was er wohl meinte. Und dann war der Ball wieder weg. Hand vor die Stirn. Patsch.
Das einzige Tor, das ich in meiner kurzen Fußballerkarriere erzielt habe, war ein Elfmeter. Ich wurde als Schütze nachnominiert, weil es nach fünf Elfmetern immer noch unentschieden stand. Ich traf, aber wir verloren trotzdem. Etwa zu jener Zeit wurde ich gefragt, für welchen Verein ich sei. Ich war acht Jahre alt und die Frage überforderte mich, denn allein im Umkreis von 40 Kilometern rund um meinen Heimatort gab es zwölf Möglichkeiten, sein Fußballherz zu vergeben, wenn man bloß die Vereine der ersten und zweiten Liga aufzählte. Das waren Bayer Uerdingen, Fortuna Düsseldorf, MSV Duisburg, Borussia Mönchengladbach, Bayer Leverkusen, Rot-Weiß Essen, FC Köln, Fortuna Köln, Alemania Aachen, VFL Bochum, Wattenscheid 09, Schalke O4.
Die meisten Jungs votierten für Düsseldorf oder Mönchengladbach, eigentlich alle. Das fand ich nicht gut. Aus Gerechtigkeitsgründen entschied ich mich daher für einen Verein, den niemand sonst berücksichtigte, schon weil er nicht im Umkreis von 40 Kilometern lag. Einen Verein, der in meiner Heimat keinen einzigen Fan hatte, den niemand mochte oder auch nur erwähnte. Ich wurde Fan von einem Verein, der einfach dringend einen einzigen Fan brauchte. Und so wurde ich 1975 Fan vom FC Bayern München.
Sehr viel später habe ich festgestellt, dass der FC Bayern München durchaus ein paar Fans besaß, besonders in Bayern. Und in München. Es hätte dort meiner Form der Fan-Gerechtigkeit nicht unbedingt bedurft. Aber ich bin dem FC Bayern trotzdem treu geblieben. Man kann solche Entscheidungen nicht revidieren. Leute, die so etwas machen, sind für mich keine richtigen Fußballfans. Ich gehe also seit Jahren mit meinem rotweißen Schal ins Münchener Stadion und habe meine Entscheidung von damals nie bereut. Und manchmal kommt meine Kindheit zurück. So wie im Spiel gegen Darmstadt letzte Woche.
Da soll in der 51. Spielminute Arturo Vidal zu Lewandowski flanken. Der winkt, dass er den Ball rechts von sich haben will. Eigentlich kein Ding. Aber dann schiebt Vidal den Ball nach links und er geht verloren. Der Mann neben mir schlägt sich die Hand auf die Stirn. Patsch. Und ruft: „Nach rechts, Du Depp. Weißt Du nicht, wo links und rechts ist?“ Und ich denke nur: Du Armleuchter hast keine Ahnung, was in so einem Spieler vorgeht. Aber ich, ich weiß Bescheid.