Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.03.2016

465_Jungsgequatsche

Die Pubertät unseres Sohnes ist eine Aneinanderreihung von Fürchterlichkeiten. Anders kann man das nicht mehr nennen. Praktisch jeder Scherz säftelt. Ernsthafte Gespräche sind kaum möglich. Als ich neulich mit ihm Grundsatzfragen der Hygiene erörtern wollte, neigte er den Kopf um ungefähr 160 Grad und sagte: „Von andersrum betrachtet sieht es aus, als wärst Du gut gelaunt.“ Manchmal lauert er mir im Flur auf und stürzt sich von hinten auf mich Und er nennt mich beharrlich entweder „Opfer“ oder „Knecht.“
Früher hat er viel aus seinem Leben erzählt, aber das ist vorbei. Er redet nicht mehr von selber. Jedenfalls nicht mit dem Knecht. Wenn ich nicht dabei bin, spricht er flüssig und ausführlich. Das weiß ich, weil ich ihn bisweilen belausche, wenn er mit seinem Freund Finn in der Küche steht und Brotscheiben toastet. Die beiden vernichten mühelos eine Packung Toast innerhalb einer halben Stunde und spielen dabei ein inhaltlich ziemlich fragwürdiges Spiel, dessen Kreativität jedoch zu würdigen ist. Das Spiel heißt: „Würdest Du lieber?“ und beginnt damit, dass Finn beispielsweise sagt: „Würdest Du lieber einen Hundehaufen essen oder einen Zungenkuss mit Frau Falk machen?“ Frau Falk ist die Erdkundelehrerin und sie ist nicht unbedingt dringender Bestandteil jugendlicher MILF-Träume. Nick antwortet: „Wie groß ist der Hundehaufen und wie lang dauert der Kuss?“ Der Toast springt raus, zwei neue Scheiben werden eingeschoben, danach sagt Finn: „Es ist ein Schäferhundehaufen und der Kuss dauert eine Minute.“ Man hört wie ein Messer über den Toast kratzt. Schließlich sagt Nick: „Okay. Zungenkuss mit der Falk. Ich bin dran.“
Dann kommt Nicks Frage: „Würdest Du lieber nackt mit der U-Bahn von der Münchener Freiheit bis zum Marienplatz fahren oder in der Schulcafeteria einen Pudding vom Boden lecken?“ Finn entscheidet sich für die U-Bahn, weil ihn dort womöglich niemand kenne. Außerdem liege auf dem Ziel-Bahnsteig ein Mantel bereit. Die Prüfung findet er nicht so schlimm. Klack. Toast raus, Klick, Toast rein. Finn fragt: „Würdest Du lieber eine Stunde lang auf dem Schulhof Lieder von Helene Fischer singen oder Dir öffentlich mit einem Laubrechen selber ein Muster auf den Hintern ritzen?“ Ich glaube, ich höre nicht richtig, zumal sich Nick spontan für den Rechen entscheidet. Aber die Begründung gefällt mir dann wieder: Nick kratzt sich lieber den Hintern mit einem Drahtrechen, weil er, um Lieder von Helene Fischer singen zu können, diese vorher mehrmals anhören müsse, was ihm entschieden mehr Schmerzen verursache als das bisschen Gekratze auf seinem Po.
So geht es immer weiter. Zwischendurch lachen die zwei und klingen wie Beavis und Butthead, die in ihrer Serie auf MTV früher ähnliche Themen besprachen und dabei ein ziemlich erbärmliches Bild von keimender Männlichkeit abgaben. Ich sehe auf die Uhr und stelle fest, dass ich seit einigen Minuten mit unserer Tochter Carla in ihrem Zimmer verabredet bin. Sie kann besser für die Schule lernen, wenn jemand bei ihr sitzt. Ich muss dabei gar nichts machen, bloß da sein. Das hält sie vom Aufschieben und Zeit vertrödeln ab. Helfen könnte ich ohnehin nicht, denn ich bin altersblöde. Ich setze mich also in ihren Ohrensessel und lese, während sie sich mit der DNA Replikation beschäftigt. Zwischendurch flucht sie leise, weil sie nicht einsieht, dass sie sich mit Chromosomen, Zygoten und diploiden Zellen abplagen muss, während das Leben gleichzeitig die Chance eines Milchkaffees mit Keksen bietet. Aber sie hält tapfer durch.
Nick kommt verbotswidrig herein und überreicht schweigend eine Hitliste seiner Lieblingsbegriffe, die ich sehr gut finde und die das komplette Weltbild eines Mannes von dreizehn Jahren widerspiegelt. Hier ist sie: Auf Platz fünf: „Lümmel“. Platz vier: „Sacksuppe“. Platz drei: „Penis“. Rang zwei: „Dingdong“. Und auf dem ersten Platz: „Knick knack“. Dann geht er wieder raus. Carla liest den Zettel, schüttelt den Kopf und sagt: „Wenn man bedenkt, dass die Männer hinterher Karriere machen und über das Wohl und Wehe dieser Welt entscheiden, dann kann einem echt mulmig werden.“ Dem habe ich als besorgter Vater und Mann nichts entgegen zu setzen. Die Welt kann froh sein, dass es Frauen gibt.