Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.03.2016

467_Menschenhandel

Der Mann steigt in Stuttgart zu, breitet sich in einem Viererbereich des Großraumwagens aus und besetzt alle Plätze. Er holt gleich zwei Laptops aus seiner Tasche und zahlreiche Unterlagen, die er auf dem Tisch ausfächert. Er benutzt sämtliche Steckdosen für piepsende und brummende Geräte. Nachdem er sein Büro installiert hat, zieht er das Jackett aus und legt es auf die Hutablage. Dann pfriemelt er sich einen Plastikkorken ins Ohr und beginnt zu telefonieren. Das galt früher mal als Unart. Aber inzwischen darf man das. Bald auch im Flugzeug. Der Tag, an dem mir über den Wolken der erste Sitznachbar die Ohren blutig vollblubbert mit Details über die Konferenz mit der Pyros GmbH und den Eckdaten für das Geschäft mit der Allianz, ist der Tag, an dem ich mir Flügel wachsen lasse und fliegen lerne.
Schnell her mit dem Kopfhörer. Das Ding ist genial, es siebt Störenfriede und Fahrgeräusche aus der Musik. Es hat einen Nervensägenfilter. Doch leider sind die Batterien alle. Also muss ich dem Mann zuhören. Ich beginne, mitzuschreiben, was er sagt. Offensichtlich handelt es sich bei ihm um einen Personalchef oder einen Headhunter oder Recruiter oder wie man sowas heute nennt. Er beschafft Menschennachwuchs fürs Schweinesystem. Sozusagen. Nach ein paar Floskeln inklusive der Beschreibung eines misslungenen Rahmgulaschs im Haus der Familie Flöter kommt er auf sein Anliegen zu sprechen: „Du: Ich bin auf der Suche nach einer Junior-Ressource mit Controlling-Hintergrund. Hast Du da ein Äquivalent? Ja, das klingt ganz gut. Bist Du bereit, Dich auf einen Deal einzulassen, wenn ich den bekommen kann? Ich würde Dir dafür zwei von denen aus Kassel geben. Die kann man hin und her schieben. Die machen alles. Okay. Eine Frage noch: Wo ist denn dieser Ortbauer her? Wo ist der her? Aus dem Taunus? O Gott. Dann nicht. Mir egal. Taunus ist für die Company ein No-Go. Wenn mir nichts besseres einfällt, nehme ich den, aber ich gucke erst mal.“ Dann verabschiedet er sich. Ich bin nicht ganz sicher, ob er gerade über einen Menschen gesprochen hat.
Ticket und Bahncard sowie Kreditkarte hat er am Rand des Tisches drapiert, auf diese Weise muss er nicht mit dem Schaffner sprechen. Er startet den nächsten Anruf. Sein neuer Gesprächspartner ist ebenfalls an Herrn Ortbauer interessiert. Da scheint sich eine Art Bieterwettstreit abzuzeichnen, zumal das Äquivalent aus dem Taunus offenbar die einzige Kraft auf dem Markt darstellt, die den Suchparametern der Headhunter entspricht. Leicht panisch sagt der Mann: „Wärst Du auch bereit jemand anderen zu nehmen? Ortbauer passt perfekt, ich kann den gut gebrauchen. Jedenfalls im Moment. Ich würde Dir dann die Stuttgarterin für das Büro in Dubai überlassen. Doch, die ist gut. Außerdem: Ortbauer hat auch ein Problem. Ich sage nur Taunus. Aber was willste machen? Es ist nur Kroppzeug auf dem Markt. Die kann man alle vergessen. Kanonenfutter. Du stopfst hundert in ein Großraumbüro und am Ende bleibt einer übrig, der wenigstens den Kopierer bedienen kann. Deswegen will ich ja den aus dem Taunus. Der kann auch noch Kaffee kochen.“
Ein Taxifahrer hat mir mal erzählt, wie er Fahrgäste bändigt, die sich nicht benehmen können. Er schaltet heimlich ihre Sitzheizung an. Das macht sie müde und still. Leider gibt es im Zug keine Sitzheizung. Ich denke gerade darüber nach, seinen Sitz einfach anzuzünden, da wird der nächste Halt in Frankfurt angekündigt, was bei ihm zu einer gewissen Hektik führt, weil er nun innerhalb von wenigen Minuten sein ganzes Büro einpacken muss. Er ist gerade fertig, da kommt ein Anruf rein. Offenbar ist ein Kind dran, denn er spricht mit einer ganz anderen Tonlage. Ganz sanft und freundlich klingt er und sagt: „Dann musst Du der Ronja sagen, dass diese Flüchtlinge arme Menschen sind, die vor Krieg und Hunger Schutz suchen. Sie brauchen uns und wir müssen ihnen helfen. Das ist unsere Verantwortung für die Anderen. Denn wir sind reich und in Sicherheit. Und wenn die Ronja oder ihr Papa das nicht verstehen, dann gibst Du ihnen meine Handynummer und ich erkläre es ihnen. Und heute Abend bin ich wieder zuhause.“ Zum Abschied gibt er tausend Küsschen.
Er steigt aus und ich denke: Verdammte Hacke, warum kann sich heutzutage kein Mensch mehr an sein Klischee halten? Und was ist eigentlich so schlimm am Taunus?