Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.04.2016

469_Reisenotizen

Ab und an bin ich genervt von der Reiserei, ganz besonders, wenn ich im Nieselregen mein Köfferchen über den mit Rollsplit bestreuten Bahnsteig von Magdeburg ziehen muss. Oder wenn die Käseplatte aussieht, als habe das Hotel nur blinde Gäste. Was dann hilft, ist der Gedanke an die Leute, die abends kommen werden. Das Publikum und ich entschädigen uns gegenseitig für sämtliche Unbill des Alltags. Auch wenn sich unter den Zuschauern gelegentlich ausgesprochen unsortiert durchs Leben irrende Zeitgenossen befinden.
Einmal trat ich im Berliner Babylon-Kino auf und sah die ganze Zeit von der Bühne aus in den Schritt einer Dame in Reihe vier, die sich breitbeinig in den Sessel gefläzt und die Füße auf der Rücklehne des Platzes vor sich abgelegt hatte. Wie beim Gynäkologen. Zum Glück war sie bekleidet. Ungefähr nach einer halben Stunde öffnete sich hinten eine Tür und ein Mensch rumpelte herein und rief: „Rainer! Rainer! Wo biste? Rainer?“ Muss man sich mal vorstellen, mitten in einer Lesung. Und Rainer rief zurück: „Reihe sieben! Mitte! Reihe sieben!“ Da muss man schon stark sein.
Dasselbe gilt für Abende in Theatern. Den anwesenden Mitarbeitern ist es wurschtegal, ob man vorliest, singt, das Publikum beschimpft oder rituelle Schlachtungen unternimmt oder alles zusammen. Sie möchten im Grunde nur wissen, wie lange die Vorstellung dauert, weil sie danach Feierabend haben. Wenn man nach dem Schlussapplaus in die Garderobe geht und fünf Minuten später wieder rauskommt, sind alle weg. Nur ein Pförtner steht mit vorwurfsvoll klingelndem Schlüsselbund am Ausgang und entlässt den eben noch vor Hunderten auf der Bühne gesessen Habenden durch eine Seitentür in die auf das Grausamste erloschene Fußgängerzone einer deutschen Mittelstadt.
Bei Lesungen in Buchhandlungen oder Gemeindesälen hingegen sind die Veranstalter hinterher meistens noch da. Sie möchten dann unbedingt Essen gehen und haben in einem Restaurant ganz in der Nähe reserviert. Es kämen noch zwei Mitarbeiter dazu, außerdem der Kulturdezernent mit seiner Gattin und ein reizendes befreundetes Ehepaar aus dem Sauerland. Später wird der Kulturdezernent ausführlich über sein Hobby –osteuropäische Numismatik – referieren und die Dame aus dem Sauerland ein Krimi-Manuskript überreichen. Nur knapp 600 Seiten. Ob man das mal lesen und einen Verlag besorgen könne.
Aber die Begegnungen mit dem Publikum entschädigen für Alles. Manchmal sind Eltern dabei, die nach der Lesung drängende Erziehungsprobleme besprechen wollen, weil sie mich beharrlich mit Jesper Juul verwechseln, obwohl der viel älter ist als ich und viel dicker. Ich kenne aus diesen Gesprächen inzwischen alle gängigen Porno-Portale, von deren Begehung mir aufgeregte Mütter erzählen, die im Laptop des Sohnes eigentlich nur mal gucken wollten, wann der nächste Zug nach Osnabrück fährt und dabei auf Spielarten der körperlichen Liebe gestoßen sind, die ihnen bisher in 45 Jahren im Traum nicht eingefallen wären und was ich denn dazu sage. Da heißt es beharrlich lächeln und signieren.
Beim Unterschreiben wünschen sich manche Leute eine Widmung, die sie dann diktieren: „Für Claudia zur Erinnerung an schöne Nächte auf dem Balkon.“ Ich antwortete neulich höflich, dass ich das so nicht schreiben könne, denn ich sei ja nicht mit Claudia auf dem Balkon gewesen, könne mich jedenfalls nicht daran erinnern. Da riss mir die Frau das Buch aus der Hand und entwich beleidigt. Andere blicken auf einen herunter und sagen nichts als: „Manfred.“ Das ist ein guter Name, denn er erzeugt keine Gegenfrage, die Schreibweise betreffend. Heißt jemand hingegen Matthias, muss man die zeitraubende Doppel-T- und die H-Frage stellen. Letzte Woche in Leipzig stand eine Silvia vor mir. Ich fragte: „Sylvia mit „y“ und „i“? Sie antwortete: „Nein.“ Ich fragte: Dann zwei Mal „i“? Sie antwortete: „Nein.“ Ich fragte: „Na, wie denn dann?“ Und sie sagte: „Sülvya, ganz normal, mit „ü“ und „y“, wie denn sonst?“ Ich habe das dann genau so geschrieben, letztlich ist man ja Dienstleister. Sie sah ins Buch und sagte: „Mann, sind Sie doof, das war doch nur Spaß“ und ging. Manchen Menschen kann man es einfach nicht recht machen.