Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.04.2016

471_Eiskalte Entmietung

Wir haben Untermieter. Sie wohnen auf dem Dachboden, sind recht zurückhaltend trotz ihrer vielen Kinder und eine Zeitlang sind wir gut miteinander ausgekommen, zumal sie einen großen Teil des Jahres verschlafen, die Siebenschläfer da oben auf dem Speicher. Siebenschläfer sind durchaus angenehm anzuschauen, was ich erstmals feststellte, als ich mir einmal die Schuhe zuband und beim Hochblicken direkt in das Gesicht des Vaters sah, der kurz seine Schnurrbarthaare aufstellte und dann unaufgeregt im Einbauschrank verschwand, von dem offenbar ein Geheimgang in den Speicher führt. Auch Nick lernte ihn kennen, weil sein Zimmer direkt unter dem Dachboden liegt. Der Siebenschläfermann sah unserem Sohn beim Computerspielen zu, nahm sich ein gelbes M&M und trug es ohne jede Hast nach oben. Und Carla sah Teile der Familie an der Decke entlanglaufen, während sie in der Badewanne saß. Im Großen und ganzen störten sie uns nicht, auch wenn sie nachts bisweilen einen wahnsinnigen Radau machten.
Dabei tapsten sie in den Hohlräumen herum, von denen das Haus viele hat. So ein Siebenschläfer wiegt kaum hundert Gramm, macht aber einen Radau wie ein englischer Sauftourist. Manchmal glaubte man, die veranstalteten auf dem Dachboden Weltmeisterschaften im Steppen. Und jeder Teilnehmer mit vier Steppschuhen an den Pfötchen. Kaum zu fassen. Wir wissen nicht genau, wie viele Kinder sie da oben hatten, aber vom Sound her müssen es ungefähr zehn gewesen sein. Beziehungsweise neun.
Denn vor kurzem vergaß Nick, den Klodeckel herunterzuklappen und am nächsten Morgen schwamm ein ertrunkenes Siebenschläferkind in der Schüssel. Es war aus einem Loch in der Decke hinuntergefallen. Oder es wollte Turmspringen üben. Jedenfalls kam es nicht mehr aus dem glatten Klo heraus. Ein Drama. Und es änderte die Beziehung zwischen den Untermietern und uns. Einen Tag nach dem Unfall saß ich vor dem Fernseher und zappte lustlos vor mich hin, als plötzlich der Siebenschläfermann neben der Glotze stand und mich anstarrte. Er lief nicht weg, er machte keinen Mucks. Aber er starrte. Dann stellte er den Schwanz auf, kackte auf den Fußboden, ging die Gardine hoch und entwich. Vielleicht war es ein Ausdruck von Trauer, wahrscheinlich jedoch eine Kriegserklärung, der Siebenschläfer machte uns offenbar für den Tod seines Sohnes verantwortlich. Jedenfalls fanden wir danach wochenlang überall Siebenschläferkot. Zwischen den Marmeladengläsern, auf der Couch, in der Post. Wir ertrugen es mit einer Mischung aus Fatalismus und Reue, immerhin war Nick ja tatsächlich in gewisser Weise Schuld. Doch unsere Untermieter gingen zu weit, als sie Saras Kaschmirpullover vollschissen.
Düster brütend saß meine Frau danach am Esstisch und murmelte: „Er muss weg.“ Wir beschlossen, den Vater verschwinden zu lassen in der Hoffnung, dass dann der Rest auch abhauen würde. Sara kaufte eine Lebendfalle, aber die ersten drei Versuche, den Familienvorstand zu fangen, schlugen fehl. Ich platzierte die Falle nämlich auf dem Dachboden und nehme an, dass sie dort zu dritt oder viert die Klappe hochhielten, während der Boss die dargebotenen Köder in aller Ruhe herausnahm. Auch die Vertreibung mittels Weihrauch schlug fehl. Die Siebenschläfer ließen sich davon nicht beeindrucken. Aber meine Tochter bekreuzigte sich drei Tage lang und betete vor dem Essen. Schließlich fing ich den Siebenschläfer in der Garderobe. Ich fuhr zehn Kilometer mit ihm in den Wald und er setzte sich auf eine Baumwurzel und starrte mich an, bis ich mich umdrehte und ging.
Meine Kinder hassen mich dafür, dass ich den Siebenschläfermann ausgesetzt habe. Wahrscheinlich hat der längst eine neue Familie, dem geht es gut. Aber was mache ich mit der Frau? Sie hat natürlich keine Chance, einen neuen Typen zu finden. Sie sitzt ja immer nur zuhause rum und bewacht die Nüsschen. Wahrscheinlich ist sie nicht mal bei einer Internetplattform für paarungsbereite Hörnchenverwandte angemeldet. Ich könnte ihr natürlich den Buntspecht von nebenan vorstellen, aber der ist eine Nervensäge. Also wäre ich bereit, einen potenten attraktiven Siebenschläfer aufzunehmen. Wenn jemand einen hat.