Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.05.2016

472_Im medialen Keller

Wenn ich sonst nichts mit meinem Leben anzufangen weiß, scrolle ich die Nachrichtenleiste bei Facebook hinunter und noch weiter hinunter und wundere mich darüber, dass niemals ein Keller erreicht wird. Keine Stelle, an der es heißt: Kollege, jetzt kommt nichts mehr, nur Gerümpel und Dunkelheit. Noch weiter unten wird mir allerdings klar, dass eigentlich das ganze Medium Facebook nur aus digitaler Düsternis und Dingen besteht, auf die man gut verzichten kann. Das ist nun einmal das Prinzip Keller.
Warum verplempere ich zum Beispiel meine Zeit mit der Information, dass AC/DC einen neuen Sänger hat? Der bisherige – Brian Johnson – hört inzwischen schwer, deshalb soll er da auf ärztlichen Rat nicht mehr singen. Das macht jetzt für ihn Axl Rose, der zwar offenbar gut genug hören, aber bei weitem nicht gut genug singen kann. Konnte er eigentlich noch nie. Während AC/DC diesen Wechsel am Mikrofon mitteilen, lässt Johnson ausrichten, dass seine Hörprobleme eigentlich nicht so schlimm seien und er sehr gerne noch weitergemacht hätte. Die Band habe jedoch seine ganzen Sachen, die er mit auf der Tournee hatte (Unterwäsche zum Wechseln, Ohrentropfen, Rollator, Stützstrümpfe sowie Ersatzmütze) einfach bei ihm zuhause vorbeigebracht und auf diese Weise für klare Verhältnisse gesorgt. Man stellt sich das so vor, dass da einfach ein Haufen Zeug in der Einfahrt liegt. Johnson kommt aus dem Haus und fragt, was das solle, worauf der Gitarrist Angus Young sagt: „Wir machen mit Axl weiter, denn Du bist taub.“ Johnson kratzt sich am Kopf, zuckt mit den Schultern und fragt: „Was war das? Wir schneiden die Hecke Alter, Du machst das Laub?“ Dann fährt der Bus weiter und Johnson bleibt ratlos zurück.
Beim weiterscrollen treffe ich auf ein Video, welches ich bereits gefühlte 9000 Mal in der so genannten Timeline zur Kenntnis genommen habe. In dem Film trifft ein Mann im Dschungel auf einen Affen, den er jahrelang aufgezogen, nun aber für Jahre nicht gesehen hat. Die Begrüßung fällt ausgesprochen zärtlich aus. Man wünscht sich, dass Brian Johnson und Angus Young, wenn sie sich mal zufällig im Dschungel wiedertreffen, ähnlich innig miteinander umgehen. Oder Böhmermann und Erdogan. Es ist in diesem Zusammenhang eine gewisse Böhmermannisierung bei Facebook festzustellen. Jedenfalls bei meinem Facebook. Das mag dem Facebook von Zeitgenossen, die sich wie Horst Hrubesch vor allem für das Dorschangeln vom Boot und an der Küste interessieren, anders gehen. Die haben Videos von Unterwasserbissen beim Dorschangeln vor Fehmarn in der Timeline. Oder Angebote für Kutterfahrten in der Ostsee. Wieder andere Nutzer kennen ausschließlich Herzkranzgefäßfans und tauschen sich abendfüllend über gerinselhemmendes ASS aus.
Doch ich habe nun einmal eben Nachrichtenportale geliked und bin mit vielen so genannten Medienmenschen assoziiert. Und das führt dazu, dass eigentlich kaum eine Minute vergeht, in der nicht eine neue Böhmermann-Nachricht aus dem digitalen Keller auf meinen Bildschirm purzelt. Am besten gefiel mir dabei die Meldung einer britischen Zeitung, die den ganzen Vorfall mit der erstaunten Bemerkung kommentierte, dass es in Deutschland offenbar einen Comedian gebe.
Immerhin hat Böhmermann die AfD bei mir vollständig verdrängt. Und da muss man sagen: Sein Gedicht war vielleicht nicht besonders gelungen, aber das mit der AfD hat er bei mir gut hinbekommen. Danke dafür! Außerdem in meiner Nachrichtenspalte: Bäume, tanzende Kinder, eine Katze, die den Kopf über einen Fensterrahmen hebt und in die Kamera sieht, um anschließend wieder abzutauchen. Des weiteren neun Regeln für das Verfassen von E-Mails, seltsame zusammenklappbare Möbel, Urlaubsgrüße aus Griechenland, unfassbar viele fotografierte Mittagessen, Werbung für Kompressionsunterhosen, von denen ich mich frage, warum ich die bekomme. Auf meiner Abwärtsfahrt habe ich nicht eine Meldung entdeckt, die ich gerne gespeichert oder ausgedruckt oder gleich im Kopf behalten hätte. Es ist alles irgendwie transitorische Information, die am besten dort aufgehoben ist, wo sie herkommt: Im Nichts. Aber vielleicht brauche ich auch einfach nur andere Freunde bei Facebook.