Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.05.2016

473_Low Life

Wenn man wissen will, was der Sohn eigentlich so macht, wenn man nicht dabei ist, dann muss man eigentlich nur fragen. So wie ich heute morgen. Nick war begeistert über mein Interesse und offenbarte seine bisher ungeteilten Lieblingsbeschäftigungen. Zunächst präsentierte er mir seine Mannschaft bei Fifa 15. Er steuert dort den VfL Wolfsburg, was mich zunächst etwas wunderte, weil es glamourösere Adressen gibt, wenn man auf der Playstation die Champion’s League nachspielen will. Er erläuterte mir sein Konzept, welches darin besteht, mit einer totalen Losertruppe überraschenderweise alle Anderen zu schlagen. Erst fand ich diesen Plan sehr ambitioniert, aber dann sah ich seine Mannschaftsaufstellung. Nick hatte für den VfL Wolfsburg groß eingekauft und für den Sturm sowohl Ibrahimovic, als auch Aubameyang und Neymar verpflichtet, dahinter De Bryne. Dann zeigte er mir, wie er Real Madrid aus dem Stadion schoss. Ich war beeindruckt.
Anschließend zeigte er mir seinen Lieblingsfilm. „Kung Fury“ heißt das Werk und es handelt von einem Polizisten, der einen neuen Partner zugeteilt bekommt, welcher einen Dinosaurierkopf besitzt. Der Chef der beiden wird dann durchs Telefon von Adolf Hitler ermordet, woraufhin Kung Fury per Zeitmaschine nach Nazideutschland reist, um den kampfkunstkundigen Adolf Hitler umzubringen und somit die Zukunft zu verändern. Kung Fury verirrt sich jedoch in ein anderes Jahrtausend, muss sich gegen einen Raptor mit roten Laseraugen verteidigen und lernt die Wikingerinnen Barbarianna und Katana, sowie den Hammergot Thor kennen, der ihm bei der Reise in die Nazizeit behilflich ist. Dort angekommen findet er Hitler, der gerade eine Rede vor tausenden begeisterter Zuhörer hält, die alle von den Wikingern und Kung Fury umgebracht werden. Schließlich tötet der auch Hitler und reist zurück in die achtziger Jahre und es folgt ein Happy End, welches nur davon beeinträchtigt wird, dass Hitler überlebt und Kung Fury offenbar durch die Zeit verfolgt hat. Nick freut sich schon auf den zweiten Teil.
Dann gingen wir in sein Zimmer und er fuhr den Rechner hoch, um mich in sein neues Lieblingsspiel einzuweihen. Es heißt „League of Legends“ und offenbar gibt es darin sogar Meisterschaften, die in großen Hallen live ausgetragen und von Publikum beklatscht werden. Wir sahen uns das zunächst bei Youtube an. Dort sieht man Teams, die ausschließlich aus Männern bestehen auf gemütlichen Bürostühlen sitzen und auf ihren Tastaturen herumklappern. Die Figuren, die von ihnen gesteuert werden, kämpfen auf einer großen Leinwand und jede ihrer Aktionen wird frenetisch bejubelt.
Nick erklärte mir dann das Spiel. Es geht im großen und Ganzen darum, dass zwei Fünfer-Mannschaften gegeneinander antreten, um den Nexus des anderen Teams zu zerstören. Dafür ist Mana nötig, um die Figuren aufzurüsten. Der Lieblingscharacter meines Sohnes heißt Riven, denn sie ist leicht zu kontrollieren, weil sie nicht so krasse Kombos macht, wenn Sie verstehen was ich meine.
Man kann natürlich gleich invaden und mit seinen Minions Angriffe auf die gegnerischen Spieler starten und den E spellen, oder auch erst einmal abwarten. Die Viecher im Jungle geben Dir Mana, damit Du die Skills schnell ausführen kannst. Jedenfalls düsen dann sämtliche Spieler mit ihren Characters durch den Wald und suchen nach Gegnern. Ich schlug als Strategie vor, einfach die ganze Zeit vor den anderen wegzulaufen bis sie müde sind, aber das ist keine brauchbare Strategie, denn dann wird Dein Nexus gerusht und Du bist am Arsch. Eigentlich klar. Und wenn Du low bist, musst Du Dich retten. Zumindest dieser letzte Hinweis meines Sohnes ist von großer Lebensweisheit: Wenn man im Leben mal low ist, muss man sich retten.
Nick bot mir an, auch zu spielen. Aber so öde kann mein Dasein nicht werden, dass ich das ausprobiere. Einerseits. Andererseits: Wer sein Leben im Wald von „League of Legends“ verbringt, der braucht keine Realität mehr. Sie hat einfach nicht genug zu bieten.