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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.05.2016

474_Schöner Wohnen

Auffallend an den Krisen der Neuzeit ist der durchgängig schlechte Geschmack der Mächtigen, Superschurken und Potentaten. In diesem Zusammenhang ist noch einmal das beispielgebende Wirken von Ken Adam zu würdigen. Der vor kurzem verstorbene Architekt und Designer zeichnete für die Inneneinrichtung vieler Bond-Filme verantwortlich. Meistens schuf Adam riesige Hallen mit glatten funktionalen Möbeln und glänzende Superwaffen von irritierender Schönheit. Seine Bauten wirkten wie das Innere von Ameisenhügeln, in denen nicht nur Schurken wie Gert Fröbe oder Max von Sydow regierten, sondern vor allem Einschüchterung. Die Weltraumstation in „Moonraker“ oder der U-Boothafen in „Der Spion, der mich liebte“ ließen keine Zweifel zu: Wer sowas bauen kann, der hat offenbar Macht und Geld und vor allem Geschmack.
Wobei sich natürlich immer auch die dramaturgisch nicht ganz blöde Frage stellte, wie eine Verbrecherorganisation eigentlich derartig spektakuläre Bauwerke in die Welt setzen kann, ohne dass irgendwem auffällt, wozu sie hinterher dienen sollen. Es kann ja nicht sein, dass jeder Maurer und Elektriker bei der Auftragsvergabe für das Gewerk „geheime Satellitenspionezentrum im Vulkan“ eine Verschwiegenheitserklärung unterschreibt, der zufolge er nicht darüber reden kann, gerade an einem geheimen Satellitenspionagezentrum im Vulkan gewerkelt zu haben. Die Frage stellte sich auch gerade wieder beim letzten Bond-Bösewicht Christoph Waltz, der eine ausgesprochen lässige Schurkenbasis in der Wüste aufgestellt hat. Mit Folterstübchen inklusive Hirnbohrer.
Jedenfalls sieht die Macht im Film immer sehr cool aus, in echt hingegen wirklich richtig furchtbar, kleinbürgerlich und unbeseelt protzig. Wobei man durchaus Unterschiede feststellt zwischen demokratischen Regierungssitzen und autokratischen Herrscherhäusern. Der Antiquitätenwahn im Elysee Palast in Paris wirkt beispielsweise zumindest elegant. Und der Sitz des amerikanischen Präsidenten sieht zwar da und dort ein wenig angestoßen aus, aber er sendet ein gewisses Stilbewusstsein aus, ähnlich dem Schloss Bellevue, welches keinesfalls zu prunkvoll rüberkommt. Bei einer Besichtigung des Grimaldi-Palastes in Monaco entdeckte ich vor Jahren sogar Glasränder auf Stilmöbeln. Die Vorstellung, dass dort offenbar Getränke ohne Untersetzer serviert worden waren, fand ich bürgernah und geradezu sympathisch.
Ganz anders verhält es sich hingegen in den Palästen oder Regierungszentralen von Ländern, in denen despotisch oder wenigstens mitteldespotisch regiert wird. Zuletzt sah ich ein Foto von Angela Merkel auf Besuch bei Präsident Erdogan, der die Kanzlerin in einer Möbelhölle empfing. Alles, aber auch alles in Istanbuler Rokkoko, der türkischen Analogie zum so genannten Gelsenkirchener Barock. Die Stuhlbeine wie vom Derwisch gedrechselt und mit Blattgold belegt wie Schulbrote mit mittelaltem Gouda. Schwere, nein schwerste Stoffe, die jeden Schall schlucken, wenn nicht sogar töten. Metallisch glänzende Sofabezüge und Teppiche, die sich unter den Füßen zu bewegen scheinen. Die Bundeskanzlerin kauert mehr als das sie sitzt, während der türkische Präsident auf seinem Sessel zu thronen scheint.
Erdogan ist damit kein Einzelfall. Das Ehepaar Ceausescu setzte in ihrem 365000 Quadratmeter großen Palast ebenfalls auf Gold und Marmor und ließ 52 000 Quadratmeter Teppich verlegen. Idi Amin verblüffte mit dem fleißigen Einsatz von Elfenbein sowie einem großzügig ausgestatteten Folterkeller und Saddam Hussein empfing zwar die amerikanische Armee nicht mehr selber in seinem Wohnzimmer, grüßte jedoch von einer Vielzahl von Ölschinken auf die Besucher herab, die sich gegenseitig an seinem weißen Flügel oder im weitläufigen Pool des Diktators fotografierten. Das kann alles kein Zufall sein. Auf jeden Fall legt es den Verdacht nahe, dass ein gewisser Hang zum Autokratismus und schlechter Einrichtungsgeschmack irgendwie miteinander verdrahtet sind.
Gegenbeispiele sind rar, nur eines ist bekannt: Apple, die vielleicht mächtigste Firma der Welt, baut gerade ein neues Firmenzentrum. Und das sieht tatsächlich so aus, als hätte Ken Adam es entworfen. Ob das tröstlich oder erst recht gefährlich ist, müssen wir jetzt abwarten.