Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.05.2016

477_Unlösbare Rätsel

Meine Tochter und ich befinden uns in einer Zeitschleife. Dort wird immer dieselbe Frage gestellt: „Warum?“ Seit Jahren, man könnte schon sagen, seit weit über einem Jahrzehnt fragt sie mich das in endlosen Variationen. Warum sie ihr Zimmer aufräumen soll. Warum sie unbedingt Physik lernen muss. Warum man das Abitur braucht. Warum man beim Linksabbiegen den Gegenverkehr erst vorbeilassen soll. Die letzte Frage ist einfach zu beantworten: Irgendwer muss es tun. Auf die anderen habe ich zum Teil sehr wenig plausible und vor allem keine befriedigenden Antworten parat, was öfter zu Auseinandersetzungen führt und meinen Nimbus als souveränes Familienoberhaupt stark beschädigt
Die Linksabbiegerfrage steht im Zusammenhang mit dem Führerschein, den Carla gerade erwerben will. Sie rechnete mir vor, dass sie dafür an die eintausend Fragen beantworten müssen könne. Warum? Ich erklärte ihr, dass der Führerschein nun einmal nicht ehrenhalber verliehen würde und ungefähr siebenhundert der Aufgaben lediglich Abwandlungen der Frage seien, wer zuerst losfahren darf. Man könne das sehr gut lernen. Aber warum? „Weil Du sonst keinen Führerschein bekommst. Und damit basta.“ So einfach ist es in meiner Welt.
Nachdem sämtliche Geldquellen zur Finanzierung dieses Führerscheins leergesaugt waren, fehlten Carla noch ungefähr dreihundert Euro und sie suchte sich einen Job. Nach dem ersten Einsatz im Büro eines größeren Autohauses saß sie missgelaunt am Esstisch. Sie habe dort nur dämliche Arbeit zu tun. Blödes Zeug abheften und sortieren, totaler Idiotenjob, stumpfsinnig und langweilig und unkreativ. Warum sie das tun müsse? Ich sagte: „Weil Du 17 bist. Sie vergeben die doofen Arbeiten grundsätzlich an 17jährige. Wenn Du 37 wärst und immer noch so etwas machen müsstest, hättest Du ein Problem.“ Nach dieser hochgradig plausiblen Antwort war sie so sauer, dass sie mich einen arroganten Sack nannte und ins Bad abrauschte, um sich die Haare zu machen. Das ist irgendwie ein Wutventil bei ihr.
Dann kam Nick in die Küche. Wenigstens hatte er keine Warum-Frage, sondern eine Was-Frage. Nicks Fragen sind berüchtigt und von rätselhafter Poesie. Was machen Einarmige, wenn sie im Theater oder im Konzert sitzen und klatschen wollen? Das geht ja nicht. Einmal fragte er auch: „Wenn ein Eisberg wegtreibt, ist er immer noch ein Teil des Landes, von dem er abgebrochen ist, oder? Und wenn er schmilzt verteilt sich die ursprüngliche Landmasse im Meer, was bedeutet, dass am Strand von Australien manchmal ein Stück Grönland ankommt.“ Da kann man kaum widersprechen, finde ich.
Ebenfalls im Portfolio meines Sohnes: Die Frage, warum Tarzan keinen Bart hat. Robinson Crusoe hat einen und der Graf von Monte Christo ebenfalls. Nick kam auf das Thema, als wir Tom Hanks in dem Film „Cast Away“ sahen, wo er einen vorzüglichen Wildnisbart trägt. Tarzan hingegen: Immer glattrasiert. Wie kann das sein? Tja, da weiß ich leider nicht weiter.
Die Frage mit dem einarmigen Applaus stand dann aber immer noch im Raum. Das ist ein großes Problem. Mit einem Arm ist nicht gut klatschen. Klopfen vielleicht, aber frenetisch applaudieren geht nicht. Man könnte also einen begeisterten einarmigen Theaterbesucher für einen Kulturbanausen halten, der es nicht nötig hat, dem Ensemble jene Anerkennung zu zeigen, die es verdient hat. Das wäre ungerecht, wenn man unterstellt, dass der versehrte Besucher genau so gerne applaudieren würde wie jener Sitznachbar, der sich die Hände wundklatscht. Der Einarmige könnte „Bravo“ rufen oder „Da Capo“, was aber immer irgendwie albern wirkt. Er könnte auf den Fingern pfeifen oder seinen Hut schwenken, was aber auch nicht geht, weil er den an der Garderobe abgeben musste. Was also tun?
Nach reiflicher Überlegung bin ich auf zwei Lösungen für dieses seltene aber dringliche Problem gekommen. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Der Einarmige bringt einen anderen Einarmigen mit und beide ergänzen sich mit den zwei zur Verfügung stehenden Händen zumindest zu einem halben Applaus. Oder, Möglichkeit Nummer zwei und von mir sehr favorisiert: Einarmige setzen sich am besten hinter Glatzköpfe.