Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.06.2016

478_Mutationen

Im Zuge seiner Forschungsarbeit hat der Versuchsleiter festgestellt, dass sowohl männliche als auch weibliche Pubertiere in andere Erscheinungsformen mutieren, Habitus und Aussehen anderer Tiere täuschend echt imitieren können. In der Science-Fiction-Sprache nennt man solche Geschöpfe Formwandler und man kann sie mit Silberkugeln zur Strecke bringen. Das ist allerdings verboten und nicht im Sinne des Versuchsleiters, der eigentlich gerne mit seinen beiden Pubertieren Nick und Carla in einem Gehege lebt. Auch wenn es manchmal zu dramatischen Veränderungen seiner Kinder kommt.
Vom männlichen Exemplar Nick sind Verwandlungen in einen Vielfraß und in einen tasmanischen Teufel bekannt. Letztere Ausprägung findet in der Regel nach dem Genuss von Energydrinks statt. Diese sind im Pubertierlabor streng verboten, werden aber heimlich an der Tankstelle erworben, wofür der Versuchsleiter dem Tankwart gerne mal eine scheuern würde. Nach dem Genuss von zwei Dosen Monster ist Nick dazu in der Lage, die Treppe in weniger als zwei Sekunden nach oben zu laufen. Runter geht in einer halben Sekunde. Ebenfalls bereits beobachtet wurde seine Verwandlung in einen Braunbären, als welcher er gerne Blumenvasen mit dem Hinterteil umstößt und vier Esslöffel Honig über sein Müsli kippt.
Auch Carla kann die Gestalt wechseln. Oft nimmt sie jene eines Rohrspatzes an, ihre Schimpftiraden gelten in der Regel mir und die Ursachen sind vielfältig: Keine Avocados im Haus, Föhn nicht da, Party am Samstag abgesagt, Taschengeld bereits am Zehnten des Monats alle. Übergibt der Versuchsleiter zu Testzwecken in diesem Fall einen Zehn-Euro-Schein, wird aus dem Rohrspatz binnen Sekunden ein zutraulicher Schmetterling, der den Forscher auf das sanfteste umturtelt, um dann bis auf Weiteres Richtung Stadt zu entweichen.
Carla kann sogar noch viel kleiner werden und zu einer Mücke mutieren. Das klingt harmloser als es ist. Hier ist das Wort des weisen Dalai Lama zu beachten, welcher sagte: „Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.“ Auf das Gehege des Versuchsleiters übertragen, bedeutet es, dass es unmöglich ist, in Ruhe die Zeitung zu lesen, wenn die zur Mücke gewandelte Tochter im Zimmer herumschwirrt und über den Sinn der Fußball-Europameisterschaft diskutieren will.
Und erst gestern hat der Versuchsleiter eine neue Daseinsform seines weiblichen Pubertiers entdeckt. Beim Betreten des Wohnzimmers stellt er fest, dass sich Carla vor dem Fernseher in eine Kegelrobbe verwandelt hat. Was der friesischen Kegelrobbe die Sandbank, ist Carla die Wohnzimmercouch. Sie hält in der einen Hand die Fernbedienung und in der anderen ihr Handy. Vor der Couch liegen Joghurtbecher und eine halbe Tafel Schokolade. Als sie den Versuchsleiter erblickt, lässt sie sich nicht auf den Teppich fallen, um zu entkommen, sondern stößt lediglich eine Art Grunzlaut aus, dem der Versuchsleiter entnimmt, dass sie zeitnah gefüttert werden will. Dann widmet sie sich wieder dem Fernsehprogramm.
Dort gibt es die „Trovatos“. Das sind rheinische Privatdetektive, die in einem Milieu ermitteln, in dem alle Menschen immer brüllen. Oder heulen. Oder anderen Prügel androhen. Alle Männer sind tätowiert und alle Frauen rauchen. Diese Reality-Soap ist streng auf die kognitiven Belastungsgrenzen von Kegelrobben abgestimmt und man wünscht sich beim Zuschauen, dass eine Neutronenbombe auf Köln-Hürth fällt und der Schreierei ein Ende bereitet. Aber unsere Kegelrobbe liebt die Trovatos.
Der Versuchsleiter begibt sich in die Küche und bereitet gesunde Lebensmittel zu, um der intellektuellen Zersetzung des töchterlichen Gehirns mit Vitaminen entgegenzuwirken. Als er fertig ist, ruft er ins Wohnzimmer, dass sie den Tisch decken soll. Es erfolgt aber keine Reaktion. Er ruft noch einmal. Nichts. Also geht er nachsehen. Die Tochter ist weg. Jedenfalls scheinbar. Tatsächlich hat sie sich jedoch der Farbe und Gestalt der Couch vollständig angepasst. Wenn Gefahr in Form von lästigen Aufgaben droht, verwandelt sie sich blitzschnell in ein Chamäleon.