Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.06.2016

479_Rasenraserei

Sobald es aufhört zu regnen, stürmen Männer in kurzen Hosen und zu knappen T-Shirts aus ihren Behausungen und zerren den Rasenmäher aus der Garage. Es ist dann ein Brummen und Knattern in der Nachbarschaft als habe sich ein Schwarm Hornissen aufgemacht, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Alle paar Minuten erstirbt ein Motor, denn dann ist der Fangkorb voll. Wenig später Neustart. Ich finde das schön. Es beruhigt mich. Ich bin nicht alleine auf der Welt.
Es gibt in unserer Gegend nur zwei Weicheier, die nicht selber mähen, sondern mähen lassen. Der eine hat dafür einen syrischen Kinderarzt engagiert, der andere einen Mähroboter, welcher sich seit einigen Tagen ohne Unterlass durch den Rasen von Ulrich Dattelmann kaute. Dattelmann ist der Vorsitzende des Schulvereins, ein Superchecker und Alleskönner und Alleswisser. Er macht immer alles richtig im Leben und kann einem genau erklären, woran es liegt, dass er so wahnsinnig glücklich ist und man selber nicht. Und er erklärt es einem auch ungefragt. Ich hasse ihn, aber manchmal wäre ich insgeheim gern wie er. Es ist deprimierend und albern. Egal.
Jedenfalls brüllte Dattelmann über den Zaun, dass ich mir seinen Mähroboter ansehen solle. Ich kletterte willfährig in seinen Garten, wo das Ding wie auf geheimen Befehl sein Werk verrichtete. Dattelmann erläuterte mir sämtliche langweiligen technischen Details dieses Wunderwerkes der Technik und schloss mit der Feststellung, dass er durch die Inbetriebnahme des Roboters pro Monat sechs Stunden Zeit spare. Ich finde Zeit zu sparen langweilig. Ich verplempere sie lieber, indem ich den Rasen mähe und darüber nachdenke, wie viele Grashalme ich in meinem bisherigen Leben guillotiniert habe. Es könnten Milliarden sein. Wie es wohl klänge, wenn jeder einzelne Halm beim Schneiden kurz „autsch“ rufen würde. Über so etwas denke ich nach und finde, es ist gut investierte Zeit.
Dattelmann erklärte mir dann noch, dass er bereits eine Beziehung zu dem Roboter aufgebaut habe. Er nenne ihn Harald und Harald sei ihm ein kleiner Freund, obwohl er erst seit vier Tagen bei ihm arbeite. Während er das sagte, bückte er sich und streichelte Haralds Rücken. Harald erkannte darin ein Hindernis, drehte sich brüsk um und fuhr davon. Dattelmann lachte. Plötzlich flog ein schwarzer Schatten über den Zaun. Auf den zweiten Blick handelte es sich dabei um Zeus, der zwei Gärten weiter wohnt und bereits zwei Briefträger und einen Heizungsinstallateur gebissen hat. Zeus ist ein Rottweiler von ungeheurer Größe, ausgestattet mit einem enormen Blutdurst. Zeus raste auf Harald zu und bellte wie verrückt. Dann schlug er ihn mit der Pfote. Dattelmann brüllte, dass jemand den Hund wegnehmen solle, aber der Besitzer war nicht da und ich bin nicht lebensmüde.
Zeus jagte den irritiert durch den Garten mäandernden Roboter und versuchte, ihn zu packen und tot zu schütteln, was ihm nicht auf Anhieb gelang. Immerhin drehte er Harald auf den Rücken und schob ihn über das Geläuf, während Dattelmann in seinen Schuppen lief, um einen Rechen zu holen, auch wenn mir nicht klar war, was er damit wollte. Womöglich das Fell des Hundes bürsten. Zeus schob Harald weiter über den Rasen und schließlich bis an den Rand des Dattelmannschen Teichs. Es wohnen zwei sauteure Koi-Karpfen darin und sehr seltene Pflanzen. Dattelmann hat mir alles darüber erzählt, aber ich habe nicht zugehört. Zeus gab Harald einen letzten Schubs und dann plumpste der Roboter ins Wasser, wo er blubbernd versank. Zeus bellte noch einmal, sah sich nach mir um und schien zu lächeln. Dann sprang er über den Gartenzaun und war weg.
Dattelmann zog den verblichenen Harald aus dem Teich, es liefen mehrere Liter Wasser aus diversen Körperöffnungen des Mähsklaven. Mein Nachbar saß dann stumm neben Haralds Leiche und ich ging zurück in meinen Garten, um fertig zu mähen. Ich dachte lange darüber nach, ob ich Zeus eine Bockwurst vorbeibringen sollte, quasi als Belohnung. Aber so schlecht bin ich dann auch wieder nicht. Und zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, tat Dattelmann mir leid. Und genau das fühlte sich für mich an wie ein kleiner schmutziger Sieg.