Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.06.2016

480_Grübelmomente

Das ganze Leben besteht im Wesentlichen aus einer nicht enden wollenden Kette von Entscheidungen. Das ist eine Binse, aber man macht sich das nicht immer bewusst. Man denkt ja auch nicht an seinen linken kleinen Zeh, bis man damit gegen einen Fahrradständer rumpelt. Egal. Unsere ganze Existenz hat jedenfalls mit einer einzigen Entscheidung zu tun, die vor 360 Millionen Jahren getroffen wurde. Hätte damals dieser eine Fisch nicht entschieden, sich einmal an Land umzusehen, dann wären wir womöglich alle gar nicht hier oder die Evolution wäre noch nicht, wo sie heute ist und wir stünden erst vor der Entdeckung des Feuers oder im Jahre 1988. Dann wäre Erich Ribbeck noch zu verhindern gewesen.
Wobei – um noch einmal auf den ersten Landbewohner der Erdgeschichte zurückzukommen – Ichthyostega angeblich gar keine Beine besaß, sondern eher mühsam auf seinen Vorderflossen durchs Gelände robbte, einem bezechten Oktoberfestbesucher nicht unähnlich. Die Entscheidung des Ichthyostega zu einem Spaziergang an Land führte zur Entwicklung des Menschen und bei Licht besehen langfristig dazu, dass ich vor dem Kleiderschrank stehe und mich nicht entscheiden kann, welche Socken ich anziehen soll. Rote oder grüne.
Gleich anschließend geht es um die Frage, ob Carla sich für Französisch oder Mathe entscheidet. In einem Fach wird sie unweigerlich bei einer fünf landen, denn sie kann ihre Entlassungsproduktivität nur entweder auf das Eine oder das Andere richten. Lernt sie also Mathe, wird es in Französisch nicht reichen und umgekehrt. Bei der Entscheidung für Mathe spielt dann letztendlich keine Rolle, welche der beiden Disziplinen sie später dringender braucht. Sie hat mir erklärt, dass sie bei der Partnerwahl notfalls auf jemanden zurückgreift, der einen Taschenrechner bedienen kann und dass sie nicht vorhat, jemals im Leben nach Frankreich zu reisen, weil die Franzosen uns eh nicht leiden könnten. Ihre Entscheidung, sich in Mathematik reinzuhängen trifft sie nur nach diplomatischem Kalkül. Sie hat nämlich festgestellt, dass die Mathelehrerin die gleichen Schuhe trägt wie sie. Da ist also auf der Beziehungsebene eine gewisse Verbundenheit, was man vom Französischlehrer nicht unbedingt sagen kann, denn dieser trägt ganzjährig Sandalen, die aussehen wie die Vorderflosse eines Ichthyostega. Carlas Entscheidung gegen Französisch wird übrigens von vielen französischen Schulkindern geteilt, die sich ebenfalls gegen ihre Sprache entscheiden. Sie sind in Rechtschreibung so schwach, dass ihnen der unkorrekte Einsatz von Akzenten auf ihren e’s nicht mehr angekreidet wird.
Global betrachtet ist das eine Petitesse, da stehen relevantere Themen zur Entscheidung an. In Amerika zum Beispiel muss Barrack Obama entscheiden, ob er als guter Sänger oder als guter Präsident abtreten möchte. Dafür müsste er Guantanamo schließen, also singt er lieber hier und da in der Öffentlichkeit und dies immerhin gar nicht schlecht. Noch viel wichtiger ist das Votum der Briten: Stimmen sie für europäische Vielfalt oder für nationale Einfalt? Im Grunde spricht wenig für das Letztere, aber der Mensch ist nun einmal eigensinnig und die Briten ganz besonders, was man schon an der schrulligen Gewohnheit, Bier ohne Schaum zu trinken, Pommes mit Essig zu verzehren und verkehrt herum auf der Straße zu fahren, deutlich ablesen kann. Sie sind also durchaus für eine Überraschung gut, die Briten.
Das gilt schließlich auch für Jogi Löw, der sich besonders an Spieltagen mit allerlei schweren Entscheidungen abzuplagen hat. Die Aufstellung seiner Mannschaft stürzt ihn dabei sicher in dunkle Grübelmomente. Immerhin betrifft die Aufstellung ganz Deutschland. Und dann muss er noch vor seinem Kleiderschrank stehen und die Garderobe für sich und seinen Assistenten auswählen. Das ist ebenfalls von nationalem Interesse. Bei der Berichterstattung über das Spiel gegen die Ukraine nahm die Meldung über das verschwitzte T-Shirt des Bundestrainers jedenfalls entschieden mehr Raum ein als die Tatsache, dass die Deutschen da gegen eine Mannschaft spielten, auf deren europäischem Boden sich seit fast zweieinhalb Jahren ein Krieg abspielt. Das ist offenbar nicht so wichtig wie Jogis graues T-Shirt. Wenn Ichthyostega das vorher gewusst hätte, wäre er vielleicht lieber im Wasser geblieben.