Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.07.2016

482_Rasenschachspieler

Gestern wieder mit unserer Tochter Carla über Fußball diskutiert. Um es abzukürzen: Sie hasst Fußball. Aus tiefster Seele verabscheut sie zudem Jeden, der Fußball mag. Und regelrechter Hass begleitet Menschen, die diesen Sport ausüben. Fußballprofis seien überbezahlte Nichtskönner, die ihren Mitmenschen mit diesem steindoofen Gekicke den Sommer versauten. Ich wand ein, dass man bei Mario Götze nicht von einem Nichtskönner sprechen könne, da er mühelos dazu in der Lage sei, den Ball mindestens fünf Minuten mit den Füßen, dem Kopf und der Brust hochzuhalten. Das sei doch etwas. Da wurde Carla zornig und bestand darauf, alle Fußballer seien dumm wie ein Liter Holz.
Und hier musste ich dem jugendlichen Furor die gelbe Karte wegen groben Foulspiels zeigen. Fußballspieler sind mitnichten blöd, jedenfalls nicht alle. Gut, es mag eine Zeit gegeben haben, in der man Fußballern generell eine gewisse Schlichtheit unterstellte, die dann durch Fernseh-Interviews mit Uwe Seeler und Andreas Brehme eine milde Beweiskraft erfuhr. Wobei man sagen muss, dass Sportler keine Profiredner sind, man soll nicht zu streng über sie urteilen. Das gilt auch für Tennisspieler und sogar für Boxer.
Jedenfalls spielen sehr kluge Köpfe Fußball. Giorgio Chiellini zum Beispiel, der dadurch berühmt wurde, dass er vom prognathisch veranlagten Uruguayer Luis Suárez fast zu Tode gebissen wurde. Egal. Chiellini hat nicht nur Abitur, sondern auch an der Universität von Turin studiert. Die Abschlussarbeit des italienischen Verteidigers und Ökonomen trägt den Titel „Die Bilanzen von Fußballklubs am Beispiel von Juventus Turin.“ Carla ließ sich nicht überzeugen. Der sei eine Ausnahme, behauptete sie unbeugsam.
Also googelte ich ein bisschen, um ihr das Gegenteil zu beweisen und stieß auf einen Hirnforscher namens Thier, der in Tübingen tätig ist und mit der These öffentlich wurde, Fußballer seien intelligenter als Schachspieler, weil sie für ihren Sport mehr Hirnfunktionen gleichzeitig benötigten. Der Fußballspieler müsse immerhin Orientierung, Motorik, Koordination, Interaktion und Aufmerksamkeit steuern. Es leuchtet auch dem Laien ein, das dabei zerebral mehr los ist als bei einem Schachgroßmeister, der nur auf seinem weichen Popo rumsitzt und alle drei Stunden eine Spielfigur übers Brett schiebt.
Carla blieb standhaft. Wir sahen uns die deutsche Aufstellung an und Carla stellte die kühne Behauptung auf, die Nationalspieler seien allesamt vor die Pumpe geflitzt. Dem ist aber nicht so, hielt ich dagegen, denn Kevin Großkreutz (Urinieren in der Hotellobby, mit Döner schmeißen) und Marco Reus (Aston Martin mit 573 PS, aber ohne Führerschein fahren) sind ja gar nicht zur EM mitgekommen. Und der Rest der Truppe kann mehrheitlich mindestens mit Fachabi aufwarten. Zu den Spielern mit mittlerer Reife gehören Bastian Schweinsteiger, sowie Mesut Özil, Toni Kroos, Jerome Boateng, Sami Khedira und Mats Hummels, der das Gymnasium in der zwölften Klasse abbrach. Lukas Podolski besitzt die Fachoberschulreife, Manuel Neuer, Julian Draxler, Mario Götze und Mario Gomez haben Fachabi. Benedikt Höwedes, Thomas Müller und Joshua Kimmich legten das Abitur ab, Kimmich übrigens mit einem Schnitt von 1,7. Und Jonas Hector studiert nach dem Abitur und einem freiwilligen sozialen Jahr nebenbei BWL an der Fachhochschule Köln.
Carla hörte sich meinen Vortrag an und konterte, das bedeute rein gar nichts. Sie kenne jede Menge dumme Leute mit Abitur. Man müsse sich nur mal diese führenden AFD-Politiker ansehen. Vermutlich alles Abiturienten. Dem hatte ich wenig entgegenzusetzen. Stimmt ja auch. Was bedeutet schon ein Schulabschluss. Herzensbildung ist am Ende alles, was zählt. Wie bei dem chilenischen Mittelfeldspieler Arturo Vidal. Wie es um seine Schulausbildung bestellt ist, weiß man nicht so ganz genau, aber er verfügt auf jeden Fall über menschliche Größe. Anders ist die Tätowierung auf seinem Bauch nicht zu erklären: Darauf abgebildet ist die Insulinpumpe seines an Diabetes erkrankten Sohnes. Das fand dann selbst Carla irgendwie süß. Und war mit dem Berufsbild des Fußballers wenigstens ein kleines bisschen versöhnt.