Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.07.2016

483_Im Dachbodenlabor

Wenn man eine Eigenbedarfskündigung erhält und ausziehen soll, hat das nicht nur Nachteile. Es ergeben sich auch wunderbare Möglichkeiten zur Erforschung des gemeinen Pubertiers. Daher ist der Versuchsleiter fassungslos vor Glück darüber, dass er samt seiner Familie das Haus räumen muss. Er befiehlt an einem warmen Sonntagvormittag alle Angehörigen auf den Dachboden, um sämtliche dort befindlichen Gegenstände zu sortieren. Er erläutert sein ausgefeiltes System, wonach man drei Haufen bilden könne: Umzug, Trödelmarkt, Müll.
Er weist darauf hin, dass sich ungefähr 57826 Dinge auf dem Speicher befinden und man nicht alles mit derselben Hingabe begutachten könne. Schnelle harte und konsequente Entscheidungen seien gefragt. Während er noch erklärt, beginnt das männliche Pubertier damit, seine Carrerabahn aufzubauen. Das weibliche Pubertier Carla ist innerhalb von Sekunden geschrumpft, sieben Jahre alt und kämmt eine Barbie-Puppe. Und die Frau des Versuchsleiters trägt Schuhe, die der Versuchsleiter noch nie gesehen hat. Die Frage, ob er sich an die Schuhe erinnern könne, beantwortet er wahrheitsgemäß mit „nein“ und bekommt dafür einen der Schuhe auf den Kopf. Es ist der linke Hochzeitsschuh seiner Gattin.
Nach deutlicher Ermahnung machen sich die Pubertiere nun daran, sämtliche Kisten und Kartons nach Brauchbarem zu durchstöbern. Sehr brauchbar erscheint ihnen die Verlesung von Schulzeugnissen ihres Vaters, die allesamt nicht so dolle sind und Bemerkungen über den mangelnden Ehrgeiz und erhebliche Fehlzeiten des jugendlichen Versuchsleiters enthalten. Der Wissenschaftler entscheidet, dass diese Unterlagen schleunigst entsorgt werden, damit sie nicht noch mehr Unheil anrichten und behält lediglich schmeichelhafte Deutsch-Aufsätze.
Leider muss er gewärtigen, dass er der Einzige Teilnehmer der Räumungsaktion ist, der den Müllhaufen bestückt, alle anderen Familienmitglieder vergrößern lediglich den Bereich „Umzug.“ Demnach müssen sämtliche ausrangierten Kinderspielzeuge mitgenommen werden, mit dem Argument, man könne sie für Enkel wieder verwenden. Der Versuchsleiter weist darauf hin, dass mit Nachkommen bei seinem Sohn erst in frühestens zwanzig Jahren zu rechnen sei und dass in zwanzig Jahren kein Kind mehr Kaufmannsladen spiele, weil es dann alles online gebe und kein Mensch mehr wisse, was ein Kaufmannsladen sei.
Den Beweis für solch einen erheblichen strukturellen Verlust von Kulturtechniken und den dazugehörigen Gegenständen liefert das Pubertier Carla, als sie einen Karton öffnet und eine kleine Plastikschatulle öffnet, in welcher sich ein rechteckiger Datenträger mit einem darin aufgespulten Magnetband befindet. Sie fragt was das sei und der Versuchsleiter beginnt einen romantisch eingefärbten Vortrag zum Wesen und der Geschichte der so genannten Musikcassette. In dem Karton befinden sich zahllose Exemplare davon, die allermeisten liebevoll mit jugendlicher Typografie beschriftet. Carla liest vor: „Sommermix 86“, „Maxisingles Part 12“ und „Party 17.6.87“. Sie verlangt nach einem Abspielgerät und der Versuchsleiter reicht ihr seinen original Sony Walkman, der nach dem Einlegen einer Batterie tatsächlich noch einwandfrei funktioniert. Jedenfalls, wenn man es schafft, die Cassette richtig einzulegen. Der Versuchsleiter stoppt die Dauer dieses Vorgangs. Zunächst bekommt Carla das Gerät eine Minute lang nicht auf. Dann versagt sie bei dem Versuch, die Cassette korrekt in die dafür vorgesehene Führung zu schieben und das Abspielgerät zu schließen. Erst nach etwa drei Minuten drückt sie die Playtaste. Der Versuchsleiter macht sich Notizen.
Den Rest des Tages jubelt Carla, das sei alles echt geil Eighties und hört sich die Cassetten des Versuchsleiters an, die sie allesamt so nice und schräg findet, dass an eine Fortsetzung der Räumungsaktion nicht mehr zu denken ist. Sie plant, alle 204 Cassetten komplett durchzuarbeiten und dann zu entscheiden, welche davon wegkönnen. Dies wird etwa zwei Wochen dauern. Der Dachboden muss solange warten. Zu seinem Unglück hat der Versuchsleiter dort einen Karton mit VHS-Cassetten entdeckt, deren Sichtung sich bis nach dem Umzug hinziehen dürfte.