Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2016

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Die moderne Gesellschaft kennt eine Vielzahl von Möglichkeiten, ihre Mitglieder zu gängeln. Die meisten dieser Methoden sind akzeptiert und stören uns nicht mehr weiter. Die Sicherheitskontrolle am Flughafen zum Beispiel. Millionen von Urlaubern stellen sich diesem Schafherde-Eignungstest jetzt gerade wieder und nur sehr wenige drehen dabei durch, weil sie das Gefummel übergriffig finden. Neuerdings muss man dabei eine Haltung einnehmen wie Christiano Ronaldo beim Freistoß und wird dann flächendeckend durchleuchtet. Wenn einem das zu doof ist, kann man in der Röntgenbox zappeln und wird wie sonst üblich von einem Herrn oder einer Dame mit Piepsgerät untersucht.
Warum dabei selbst 92jährige Omis aus Gelsenkirchen mit unnachgiebiger Verve überprüft werden, ist mir allerdings ein Rätsel. Sicher, sicher, gleiches Unrecht für alle, schon klar. Aber die Dame, die da neulich in Düsseldorf vor mir stand, implodierte beinahe vor Aufregung und als sie an der Reihe war, stammelte sie wieder und wieder, sie habe nichts gemacht und sei unschuldig. Wahrscheinlich fliegt sie nur alle 16 Jahre einmal. Man könnte darauf Rücksicht nehmen, aber die untersuchende Dame benahm sich, als sei die Großmutter eine menschgewordene Landmine.
Ich habe mich längst an diese merkwürdige Kontrolle gewöhnt und ertrage sie in professioneller Duldungsstarre, auch wenn ich die Vorverurteilung, die solch einer Prozedur zugrunde liegt, eigentlich frech finde. Aber da soll man sich nicht aufregen, sondern hübsch gelassen bleiben. So wie der Herr hinter mir, der die Szene mit der Ruhrpott-Omi amüsiert betrachtete und anmerkte, man müsse den Vorgang umdeuten. Umdeutung sei die einzige Chance, mit der fiesen Realität klarzukommen.
Ich fragte ihn, was er damit meine und er erklärte, im Grunde genommen täten wir Fluggäste den Sicherheitsleuten einfach einen riesigen Gefallen, indem wir die Kontrolle über uns ergehen ließen. Denn wenn es uns nicht gäbe, hätten die alle keinen Job und das sei ein Drama, denn die meisten von ihnen seien für andere Tätigkeiten unvermittelbar. Das klingt gemein, scheint aber plausibel. Die meisten von diesen Gestalten wirken auf mich, als würden sie normalerweise an Füßen zusammengekettete Zuchthäusler bei der Gleisausbesserung in Alabama bewachen. Viele von ihnen sehen sogar aus, als kämen sie gerade von der Gleisausbesserung in Alabama.
Die Raucher, zu denen ich mich zähle, müssen nun so genannte Schockbilder auf den Zigarettenpackungen hinnehmen. Das fühlt sich zunächst einmal nicht gut an. Mir wäre lieber, es würden auch Packungen ohne die grässlichen Fotos verlauft, für all jene, die bereits wissen, dass Rauchen gefährlich und krebserregend ist. Ich gehöre zu dieser Gruppe von Rauchern, aber ich habe keine Illusionen, dass man mich mit diesem Quatsch in Ruhe lässt. Es bleibt einem nichts Anderes übrig, als die Bilder zu akzeptieren. Dies fällt mir leichter, seit ich ihren Sinn umgedeutet habe. Es ist nämlich so: Es handelt sich in Wahrheit nicht um Aufklärung, sondern um Sammelbilder. Bisher gibt es 42 Motive, welche in der richtigen Reihenfolge zusammengelegt eine hübsche Foto-Love-Story ergeben. Wer alle Fotos besitzt, kann sie ausschneiden und in das Panini-Album „Rauch-Romantik“ einkleben. Fehlende Bildchen können nachbestellt werden. Wenn das Heft voll ist, folgen weitere zu den Ekel-Themen Fleischkonsum, Autofahren und Politiker im Urlaub. So lässt sich das aushalten.