Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2016

490_Besuch im Urlaub

Es ist erstaunlich, wie schnell man Dinge vergisst, die früher einmal wichtig waren. Zum Beispiel verdrängt man sämtliche Details der Aufzucht von Kleinkindern. Die mit Reiswaffelpampe verklebten Leibchen, die Herstellernamen von Kindersitzen und Baby-Utensilien, die grässliche Musik und diese Gläschen mit Fruchtpampe. Man hat damals gedacht, man würde Bananenmatsch auch später unter Umständen noch als Dessert mit Vanilleeis akzeptieren, aber dem ist nicht so. Wenn die Kinder es nicht mehr essen müssen, vergisst man das Zeug ganz schnell. Und alles drum herum. Man findet dann wieder andere Themen im Leben. Gerade das habe ich immer als große Befreiung betrachtet.
Eine fremde Welt tat sich daher auf, als ein alter Schulfreund namens Oliver anrief und ins Telefon brüllte, er sei ganz in der Nähe von uns. In Italien. Und ob man sich sehen wolle. Auf einen Kaffee. Ich bin nicht der Typ, der alten Freunden so einen Wunsch abschlagen würde, obwohl mir nicht klar war, welcher Oliver da anrief. Es gab in meiner Schulzeit eine unüberblickbare Anzahl von Olivers, um Beispiel den Chemie-Oliver und den Basketball-Oliver. Ich hoffte, dass Schauspiel-AG-Oliver am Telefon war, doch dann stellte sich heraus, dass es sich um Informatik-Oliver handelte, an den ich keinerlei aktive Erinnerung besitze.
Er brachte seine zweite Ehefrau mit und den gemeinsamen Sohn. Sean-Samuel. Der war zwei Jahre alt und verfügte über ein Stimmvolumen von etwa vier Oktaven, die letzten davon im Obertonbereich. Nach der Ankunft in unserem Ferienhaus mussten zunächst Nüdelchen gekocht werden. Fassungslos nahm ich zur Kenntnis, dass beide Eltern mit ihrem Sohn sprachen, als sei der ein bisschen bescheuert. „Spieli mit die Füßi,“ forderte Oliver seinen Sohn auf, der daraufhin artig begann, seinen rechten Fuß zu essen. Dann warf er seinem Vater den Schnuller ins Gesicht und dieser lachte fröhlich, als sei es total schön, mit vollgerotztem Plastik beschmissen zu werden.
Es gelang mir, Kaffee zu kochen, bevor Sean-Samuel die Aufmerksam mit einem Sprung in einen Rosmarinbusch an sich zog. Wir versuchten eine Unterhaltung, aber das klappte nicht, weil Oliver oder seine Frau Christine abwechselnd aufsprangen und hinter Sean-Samuel herliefen, um ihn vom Verzehr einer Handvoll Kieselsteinchen abzuhalten oder um Gläser, Teller und eine Katze vor ihm zu retten. Und alles in Doofensprache: „Nichi machi Sammy. Kieselsteini böse, nicht lecker, machen Schmerzi im Bäuchlein und fiesi Kacki.“
Irgendwie ergab es sich nicht, dass wir über alte Zeiten sprachen. Der gestresste Oliver stöhnte dann, er müsse sich eine halbe Stunde hinlegen. Christine auch. Ob wir ein bisschen auf Sean-Samuel aufpassen könnten. Ich bin dann mit ihm durch den Garten gelaufen. Sara schälte ihm Feigen. Carla sang mit ihm Backebackekuchen. Später brüllte Sean-Samuel zwanzig Minuten, bis die italienischen Nachbarn kamen und ihn mit Keksen vollstopften. Gegen 19 Uhr wachten seine Eltern auf und freuten sich aufs Abendessen.
Oliver trank dazu gutgelaunt drei Gläser Rotwein und erklärte, sie müssten jetzt los, einen Studienkollegen besuchen, der nur zwanzig Kilometer entfernt wohne. Sara fragte mich nach ihrer Abfahrt, ob wir gut befreundet gewesen seien, der Oliver und ich. Ich denke seit zwei Tagen darüber nach. Und je länger ich grübele, desto sicherer bin ich: Ich habe diesen Oliver in meinem ganzen Leben noch nie gesehen.