Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2016

491_Instrumentenmoden

Der Kontrabass erlebt eine Renaissance und viele junge Menschen möchten das Instrument erlernen. Habe ich gelesen. Die Jugendorchester sind voll von kleinen Bass-Streicherinnen und –Streichern, was offenbar daran liegt, dass es inzwischen kleine Kontrabasse gibt, sozusagen Kontrabässchen, die man leichter schleppen kann. Sie passen in jeden Bus und der Rücken schmerzt nicht mehr so, wenn man von der Orchesterprobe vier Kilometer nach Hause laufen muss. Eigentlich müsste es also Probass heißen und nicht Kontrabass.
Doch wenn es tatsächlich stimmt, dass der Kontrabass en vogue ist, muss es ja auch ein Instrument geben, an dessen Stelle er getreten ist. Und da ist jeder Zweifel ausgeschlossen. Das abgesagteste Instrument weltweit ist das Saxophon. Spielt irgendwie kein Mensch mehr. Vor dreißig Jahren war das ganz anders. Damals galt das Saxophon als das Pop-Instrument schlechthin. „Smooth Operator“ von Sade wäre ohne den drängenden Einsatz des Saxophons gar nicht denkbar. Aus jener Zeit stammt auch die Erfindung der Serienfigur Lisa Simpson, die bis heute auf Ihrem Sax trötet und früher sogar einen Gesinnungsgenossen hatte, der Zahnfleischbluter-Murphy hieß und irgendwann aus der Serie geschrieben wurde. Wahrscheinlich weil den Machern klar wurde, dass Saxophon-Spieler eben einfach: uncool sind. Sie nennen Ihr Instrument „Kanne“ und nerven auch in Orchestern, weil sie dort immer nur rumstehen und nicht gebraucht werden.
Das liegt auch daran, dass kaum symphonische Werke existieren, in denen ein Saxophon vorkommt, denn dessen Erfindung wurde erst 1846 patentiert und dann dauerte es noch einmal ewig, bis genug Menschen darauf herumbliesen, um es populär zu machen. Es spielte dann im Jazz eine große Rolle, was auch wieder tragisch ist, denn Jazz ist ebenfalls momentan ziemlich out.
Saxophonisten in Orchestern sind daher höchstens als Skatpartner gefragt und teilen dieses Schicksal womöglich mit Triangelisten. Auch sie sind einsame Vollstrecker der Partitur und müssen zum Ausgleich noch verschiedene Pauken bedienen, um sich Gehör zu verschaffen. Ich kenne jedenfalls keine Solo-Passage für Triangel und es würde mich nicht wundern, wenn Triangelspieler (es sind meistens Männer, obwohl das Instrument als solches in jede Handtasche passt) zum Ausgleich in der Freizeit mit Panzern durch die Heide rasen.
Das Schicksal der Triangel inspirierte mich jüngst zu einem Roman-Exposé. Es ging dabei um einen Mann, der in einem berühmten Orchester die Triangel rührt. Das Ensemble ist auf einer großen Tournee und spielt monatelang dasselbe Stück. Eines Abends versäumt der Mann seinen einzigen Einsatz, weil er darüber nachdenkt, ob er noch feuchte Wäsche in der Maschine hat und wie die wohl nach dreimonatiger Abwesenheit riecht. Er steht jedenfalls mit der Triangel in der Hand im Orchester und im entscheidenden Moment klingelt nichts bei ihm und er klingelt auch nicht. Er macht sich Sorgen, dass der Dirigent ihn nach der Vorstellung zur Schnecke macht, aber es geschieht gar nichts.
Am nächsten Abend lässt er seine Passage absichtlich aus, um zu testen, ob es jemand bemerkt, aber es bleibt wieder folgenlos. Schließlich schwänzt er nachmittägliche Proben, ohne dass es jemand bemerkt. Und irgendwann wird ihm bewusst, dass er gar nicht wirklich existiert. Er ist bloß eine Art Orchestergeist. Das gefällt ihm nicht und er schult auf Saxophon um, was ihm wenig bringt, weil es für Saxophone nun einmal bei Mozart nichts zu holen gibt. Nach etwa 600 Seiten Roman findet er sich mit seinem Schicksal ab und zu einer gewissen inneren Freiheit. Dadurch, dass er im Orchester nie auffällt, fällt er auch dann nicht auf, wenn er wie wild herumbimmelt. Er reist also bis zum Ende seines Lebens durch die Welt und schmiedet allabendlich die Triangel, bis sie glüht. Er ist glücklich und keiner merkt’s.
Ich schlug diese unfassbare Geschichte meiner Verlegerin als nächstes großes Projekt vor. Aber sie stocherte nur in ihrem Salat herum und sagte dann: „Na, ich weiß nicht. Mach doch lieber was mit einem Kontrabass. Das interessiert die Leute.“ Pfff. Kontrabass. Am besten wohl noch ein Theaterstück, was? Nöö.