Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.09.2016

493_Gruppenzwang

Wahrscheinlich will meine Tochter Carla mich nicht wirklich in ihrer WhatsApp-Gruppe haben. Ich glaube eher, dass sie mich auf einer Liste mit Personen führte, die sie keinesfalls dorthin einladen wollte und ich dann durch einen Copy-and-paste-Fehler doch einbezogen worden bin. So ähnlich wie Peter Sellers im Film „Der Partyschreck“. Jedenfalls lande ich am Mittwoch plötzlich in der WhatsApp-Gruppe „Was ist jetzt mit Samstag, verdammte Axt“.
Außer mir befinden sich darin acht Mitglieder. Carla hat die Gruppe ins Leben gerufen, um die komplizierte Wochenendplanung ihrer Clique zu strukturieren. Sie fragt in die Runde, ob man am Samstag eher draußen oder drinnen sein wolle und ob eher chillen oder zappeln angesagt sei. Marian antwortet, das sei ihm egal, Hauptsache er läge oben. Was immer das bedeutet. Lisa postet ein Schweinchen. Felix postet einen lachenden Zwerg. Ich halte mich zurück. Wenn ich entdeckt werde, schmeißen die mich ruckizucki raus.
Carla mahnt kommunikative Disziplin an und bittet um Abstimmung, ob man Drinnen oder Draußen feiern wolle. Justus stimmt für beides, Lilly verlässt die Gruppe, weil sie sich nicht entscheiden kann. Ariane und Paula sind für draußen. Damian sagt, das sei vom Wetter abhängig, zwei Beteiligte unterstützen diese Einlassung und David schreibt „FC Bayern, Forever Number one,“ worauf er von Carla aus der Gruppe geworfen wird und nicht mehr auftaucht, aber offensichtlich auch nicht vermisst wird.
Viel mehr passiert in dieser Gruppe eigentlich nicht, jedenfalls, wenn man das im Gruppentitel formulierte Kommunikationsziel zum Maßstab nimmt. Die Planung des Samstags kommt nämlich nicht voran, weil die Mitglieder ständig ausweichen und ganz andere Sachen besprechen, die aber auch wichtig sind. Immer, wenn jemand etwas postet, macht es auf meinem Handy „bing“. Es bingt stundenlang, öfter als einmal pro Minute macht es „bing“ und ich lese alles mit, und zwar völlig schamlos, weil ich eingeladen bin. Ich darf das.
Hier die Highlights: Winfried aus der 12. wird verdächtigt, sich in den Sommerferien einer Magenverkleinerung unterzogen zu haben. Der neue Mathelehrer ist für Lehrerverhältnisse hot, wahrscheinlich eine geile Drecksau, möglicherweise polymorph pervers, aber dabei romantisch. Daraus entwickelt sich eine Diskussion darüber, dass man den ganzen Körper und insbesondere die Haare durch konsequentes Nichtwaschen reinigen kann. Man muss sich bloß sechs Monate lang nicht waschen, dann erledigt der Körper das selber durch Zellerneuerung und besonders die Haare sind nach einer ekligen Übergangszeit wie neu. Die Gruppe mutmaßt, dass ein gewisser Jonathan aus der Schule diese Art der Körperreinigung bereits seit Jahren erfolglos probiert.
Dann entwickelt sich ein Diskurs darüber, wer wem Geld schuldet und schließlich schwenkt die Gruppe wieder auf das eigentliche Thema ein und erörtert ausgiebig, ob Shisharauchen am Samstag eine gute Idee oder endspießig ist. Ich finde dieses Pfeifengenuckel mit Waldmeisteraroma ja grausam kleinbürgerlich, aber ich möchte nicht auffallen.
Im Laufe des Nachmittags kristallisiert sich heraus, dass die eine Hälfte der Gruppe „Was ist jetzt mit Samstag, verdammte Axt“ gerne am See grillen würde, während die andere lieber bei irgendwem zuhause chillen möchte, um dann anschließend entweder in die Stadt zu gehen oder „Halt mal kurz“ zu spielen. Dabei handelt es sich um ein Kartenspiel, das sich der Lieblingsautor dieser Generation, Marc-Uwe Kling, ausgedacht hat. Es ist sehr lustig, das weiß ich aus Videos. Mitspielen durfte ich aber noch nie. Ich will aber so gerne, also klinke ich mich ein und poste: „Hey Leute, dufte Idee: Wie wär’s mit Grillen bei uns, danach eine Runde Halt mal kurz, ich stifte das Bier.“
Wenige Sekunden später verlassen Lukas, Justus, Damian und Ariane die Gruppe. Was danach noch passiert ist, weiß ich nicht. Und ob sie an den See gefahren sind, kann ich nicht sagen. Denn vier Minuten nach meinem Posting steht auf meinem Display „Carla hat Sie entfernt.“ Autsch. Das tut weh. Und was mach’ ich jetzt am Samstag, verdammte Axt?