Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.09.2016

494_Bescheuerte Thesen

Nick hatte ein bisschen Ärger in der Schule. Es ging dabei um einen etwas blöden Spruch, den er im halbprivaten Kreis geäußert hatte. Da stand er in der Pause mit einigen weiblichen Pubertieren zusammen. Diese erzählten aufgeregt von ihrem Besuch eines Justin-Bieber-Konzertes. Er selbst würde eher ein Kilo nasses Katzenfutter essen als auf ein Konzert von Justin Bieber gehen und untermauerte diese Haltung mit der Behauptung, der sei doch wohl voll schwul. Eine Lehrerin hörte das und knöpfte sich Nick vor, denn abfällige homophobe Äußerungen mögen sie da nicht.
Das ist im Prinzip gut so, aber ich fand den Fall jetzt auch nicht so schlimm. Ich habe schon Schwule sagen hören, dass irgendwas voll schwul sei. Nick beteuerte, er habe es nicht so gemeint und ich glaube ihm das. Er meinte es auch nicht so, als er mich neulich einen ollen Homo nannte, weil ich ihn zum Abschied küssen wollte, als er mit der Schule zur Bergwoche fuhr. Und er ist nicht der Einzige, dessen Worte nicht so gemeint sind. Die Fälle häufen sich gerade. Andreas Scheuer, der Generalsekretär der CSU, wird auch dauernd missverstanden. Scheuer fiel in der vergangenen Woche mit der Äußerung auf, das Schlimmste sei ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der seit drei Jahren da sei. Den werde man nie mehr abschieben können. Also Leute! Das war doch nicht rassistisch!
Sein Satz formulierte doch überhaupt keine Kritik am senegalesischen Wirtschaftsflüchtling an sich, sondern an einer Gesellschaft, die Asylbewerber einfach so in ihre Mitte aufnimmt. Im Grunde hat sich Scheuer die eigene Wählerschaft zur Brust genommen, also die Mitglieder von bayerischen Sportvereinen und Kirchen, die immer noch nicht kapiert haben, dass im Begriff „abgelehnt“ bei Asylbewerbern eine gewisse Ablehnung mitschwingt und eben keineswegs die Aufnahme in Fußballmannschaften und Bibelkreise. Der Senegalese könnte das falsch verstehen und meinen, er sei gar nicht abgelehnt.
Und wie soll das mit der Abschiebung funktionieren, wenn der Neger einmal den örtlichen Fußballverein mit seinen Toren in sportliche Abhängigkeit gebracht hat und darüber hinaus unter dem Schutz von kirchlichen Gutmenschen steht, die am Ende vor Kirchenasyl und der sonntäglichen Fütterung des Wirtschaftsflüchtlings mit Apfelkuchen nicht zurückschrecken. Diese lächerlich barmherzigen und auch noch christlichen Ehrenämtler, die sind Scheuer ein Dorn im Auge.
Dabei hat er neulich noch die Hand nach ihnen ausgestreckt. Da hat er nämlich gesagt, dass man Flüchtlinge aus dem christlich-abendländischen Bereich bevorzugt behandeln müsse. Also Verfolgte, die aus Belgien, Kanada und Neuseeland kommen, um bei uns Asyl zu beantragen. Und was machen diese undankbaren abendländischen Christen? Nichts. Kein einziger katholischer Holländer ist bisher auf Scheuers Angebot eingegangen und hat Asyl in Bayern beantragt. Eigentlich eine Frechheit. Vielleicht muss Scheuer jetzt selber Asyl beantragen. Bei der AfD. Aber ich glaube, dass Scheuer und überhaupt die meisten Politiker der Flüchtlingskrise viel zu viel Bedeutung beimessen. Vielleicht würde es helfen, wenn man sich mal vergegenwärtigte, dass ja eigentlich nicht wir eine Flüchtlingskrise haben, sondern in allererster Linie die Flüchtlinge. Die sind ganz individuell sicher in einer viel größeren Krise als unser Land. Und die in der Diskussion ständig mitschwingende Bedrohung durch den Islam kann ich irgendwie auch nicht so richtig erkennen. Vielleicht ist der Islam sogar viel weniger wichtig, als wir immer denken.
Wie ich darauf komme? Man muss bloß mal die große Meinungsforschungsmaschine Google dazu befragen. Google weiß ganz verlässlich, was uns Deutschen wirklich wichtig ist. Gibt man den Begriff „Islam“ ein, so erhält man 460 000 Treffer. Ganz schön viel. Tippt man jedoch zum Vergleich „Apfelkuchen“ ein, so bekommt man 1,9 Millionen Treffer. Der Islam ist also bei uns weniger wichtig als Apfelkuchen. Justin Bieber hat übrigens 92 Millionen Treffer. Und Nick hat sich vollinhaltlich bei den Mädchen für seine Äußerung entschuldigt.