Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.10.2016

495_Sprache im Wandel

Bei unseren täglichen Debatten bringen unsere Pubertiere momentan zwei Hauptthemen zur Sprache, die beide mit ihrer Vorstellung von Modernität zu tun haben. Da ist zum einen das Wesen der Kommunikation. Schriftliche Unterhaltungen haben bei meinen Kindern ein sagenhaftes Tempo angenommen, ihre Daumen tippen auf dem Display herum wie Spechtschnäbel. Und selbst zarteste Gefühle äußern die Kinder nurmehr mit knappen Piktogrammen. Es fehlt ihnen dabei inzwischen jedes Verständnis für ältere Kulturtechniken zur Übermittlung von Liebesbotschaften .
Zum Beispiel besuchte Carla neulich eine Oper. Es gab La Sonnambula von Vincenzo Bellini. Die titelgebende Schlafwandlerin Amina gesteht darin dem Bräutigam Elvino ihre Liebe, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, in der sie ziemlich viel singt und über ein Dach läuft. Carla gefiel die Oper, aber diese Szene ging ihr auf den Wecker, weil Amina nun einmal sehr ausgiebig auf dem Dach unterwegs war und sich ständig wiederholte. Für Carla eine Zumutung. Über Whatsapp wäre die Sache ruckizucki erledigt gewesen.
Ich warf ein, dass Opern nun einmal von einer gewissen erzählerischen Gemütlichkeit lebten, das sei ja gerade das Schöne. Aber das ließ Carla nicht gelten. Wenn sie Elvino wäre, würde sie nach einer Minute sagen: „Ist ja gut, Puppe und jetzt hopp, runter vom Dach“. Wenn es nach meiner Tochter ginge, ließe sich auch die Handlung der „Meistersinger von Nürnberg“ in einem einzigen Tweet zusammenfassen. Die Musik aber nun einmal nicht. Das musste Carla zugeben und flüchtete in fundamentale Erwägungen zu ihrem zweiten Hauptthema. Sie ist nämlich eine glühende Befürworterin des geschlechterbewussten Sprachgebrauchs und gendert auf Teufel komm raus. Ich halte das ja für die Auswirkung einer postpubertären Belastungsstörung, aber ich bin ja auch alt. Und ich mag meine Sprache zu sehr, als dass ich gut mit ihrer Zerstörung leben könnte.
Manchmal ärgere ich sie und frage, ob ich vom Einkaufen auch Studierendenfutter mitbringen solle. Studentenfutter dürfe man ja nach Genderlogik nicht mehr sagen. Carla findet das ganz im Ernst richtig so. Schließlich denke man bei dem Begriff „Studenten“ nur an Männer. Frauen seien also schon rein sprachlich unterrepräsentiert und diskriminiert. Was für eine seltsame Behauptung. Woher will denn diese Gendertaliban wissen, woran ich beim Begriff „Studenten“ denke? Assoziativ fällt mir dazu weder etwas spezifisch männliches noch etwas weibliches ein, sondern Knoblauchbrot, ungemachte Betten und Haare überall.
Den Begriff „Studierende“ halte ich zudem nicht nur für sprachlich grausam, sondern vor allem auch für Falsch, denn Studierende und Studenten sind nun einmal nicht dasselbe. Ein Trinkender ist ja auch nicht unbedingt Trinker. Ein Trinkender ist jemand nur so lange, wie er gerade trinkt. Ein Trinker hingegen ist ein Alkoholiker. Ein Studierender oder eine Studierende ist jemand, der oder die gerade im Moment etwas studiert, zum Beispiel die Getränkekarte. Direkt danach ist diese Person entweder ein Student oder eine Studentin, der oder die gerade die Getränkekarte studiert hat. Möglicherweise handelt es sich um einen studierenden Trinker, das mag natürlich sein. Wenn die Getränke kommen und der studierende Trinker sitzt neben seiner Dozentin, dann handelt es sich bei ihr um eine studierte Trinkende, jedenfalls solange sie trinkt. Oder um eine studierte trinkende Trinkerin. Oder um eine trinkende Studierte. Das sind Feinheiten der Sprache, die beim Gendern leider verloren gehen. Das finde ich sehr schade.
Es ist schön und zu begrüßen, dass sich die Sprache wandelt und entwickelt. Aber ich finde schon, dass sie das aus sich selbst heraus und nicht auf Kommando sollte. So wie bei unserem Sohn. Nick unterhält mich gerne mit neuen Sprachschöpfungen aus seiner Peer Group. Neulich erklärte er mir ein neues Wort für Blähungen. Wenn im Schulbus ein diesbezüglicher Verdacht aufkomme, sage immer irgendeiner: „Ey, wer hat die Soldatenheizung angemacht?“ „Soldatenheizung“ für „Furz“. Das finde ich wunderbar. So lebt die Sprache! Ich fürchte, in der Gender-Debatte wird viel zu oft die geistige Soldatenheizung angeworfen.