Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.10.2016

496_Im Gish-Galopp

Die Debattenkultur hat sich in der postfaktisch orientierten Generation der aktuellen Pubertiere dramatisch geändert. Nichts ist mehr verifizierbar, alles könnte sein. Meine Kinder behaupten einfach irgendwas drauflos und ich muss ihnen glauben. Gestern erklärte Nick, dass sechzig Prozent seiner Altersgenossen „Minecraft“ spielten. Ich fragte ihn, woher er diese Zahl habe und er antwortete lapidar, das habe er gelesen und das wisse doch jeder.
Aha. Das ist ungefähr so, wie wenn Demonstranten in Leipzig behaupten, es stünde die Islamisierung unserer Gesellschaft unmittelbar bevor. Wenn man diesen Knalltüten zuhört, könnte man meinen, die Kopftücher für alle deutschen Hausfrauen würden bereits in unterirdischen Fabriken von fundamentalistischer Hand gewebt, Gebetsteppiche für die vielen bislang christlichen Arbeitnehmer in deutschen Unternehmen würden in Akkordarbeit geknüpft, man bereite sich zudem darauf vor, sämtliche deutsche Pommesbuden auf Falafelproduktion umzurüsten. Das tatsächlich Bemerkenswerte daran ist: Man kann die absurde These, unser Land stünde vor der kulturellen Übernahme durch verrückte, im Derwischtanz durch den Mediamarkt flitzende Muselmane kaum widerlegen. Auch wenn nichts dafürspricht. Es spricht auch nichts dafür, dass der elfte September ein Angriff von Außerirdischen war oder eine Werbeaktion von Apple, um Handykameras zu promoten. Weiß man’s? Kann jemand das Gegenteil beweisen? Nein.
Und weil man es nicht weiß, ist es so wahnsinnig schwer, gegen diesen postfaktischen Unsinn zu argumentieren. Man könnte sich den Themen natürlich mit gesundem Menschenverstand nähern, aber der ist nicht überall erhältlich und am wenigsten in den sozialen Netzwerken. Diese bilden jedoch die Hauptnachrichtenquelle meiner Kinder. Sie lesen ungern die Zeitung, weil da keine lustigen Filmchen drin sind. Lieber informieren sie sich in der „Heute-Show“ oder über weltweit verbreitete Juxpostings, in denen Donald Trump veralbert wird. Sie würden den niemals wählen. Das finde ich zwar in Ordnung, aber der Grund dafür ist fragwürdig. Sie finden ihn nämlich einfach nur doof und hässlich und lächerlich. Lieber wäre mir, sie würden sich mit seinem Chauvinismus, mit seinen rassistischen Äußerungen und seiner politischen Inkompetenz auseinandersetzen, aber sie teilen bloß kurze Filme, in denen Trump die Haare wegfliegen. Das stimmt bedenklich. Was wäre wohl, wenn Trump so ein charmanter Gewinnertyp wäre wie Barack Obama?
Nicht auszudenken. Nick überschwemmt mich mit so genannten Memes aus dem Internet, die ich allesamt ulkig finde, die aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit politischen oder kulturellen oder schulischen Themen nicht ganz ersetzen können. Nick ist das egal. Wenn er mich von der Anschaffung irgendwelcher Turnschuhe überzeugen will, sagt er einfach, das seien die meistverkauften Sneaker in Kanada, Marc Zuckerberg hätte auch so welche und sie würden ohne Kinderarbeit hergestellt. Und die Innensohle würde von einer Beschichtung umhüllt, die gegen Fußpilz und AIDS wirke.
Für das argumentative Verfahren, einfach irgendwelche Behauptungen in die Welt zu posaunen, die sich meistens nicht auf die Schnelle überprüfen lassen, gibt es in der Soziologie einen Begriff. Man nennt das „Gish-Galopp“. Es ist sehr verbreitet bei Politikern in Talkshows und bei meinem Sohn. Er hofft, dass in der Flut der halbwahren oder erfundenen Argumente eines mitschwimmt, dass mich vom Kauf dieser Schuhe überzeugen wird.
Nick behauptet also im faktenspritzenden Gish Galopp, Barack Obama habe diese Schuhe persönlich Will Smith zum Geburtstag geschenkt und 83 Prozent aller Jugendlichen wären besser in der Schule, wenn sie dieses Modell trügen. Ich bin ganz kurz davor einzuknicken, aber dann sage ich: „96 Prozent aller deutschen Familienväter haben abends keine Lust auf diese Diskussionen. Und es gilt als erwiesen, dass junge Männer nur dann solche Schuhe tragen können, wenn sie weniger als zwei Stunden täglich Minecraft spielen.“ Ha! Was der kann, das kann ich schon lange. Das postfaktische Zeitalter macht mir keine Angst.