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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.10.2016

497_Postfaktisch achtsam

Die Wahl zum Wort des Jahres ist entschieden. „Postfaktisch“ wird’s machen. Komischerweise erfährt dieser seltsame Begriff keine Unterkringelung bei Word, ganz im Gegensatz zum Wort „Unterkringelung“. Egal. Ich bin jedenfalls ein wenig traurig über den sicheren Sieg des postfaktischen, den ich persönlich würde gerne ein anderes Wort in die Diskussion werfen, nämlich: Achtsamkeit.
Es vergeht ja kein Abendessen mehr ohne Achtsamkeit. Ich kann’s nicht mehr hören. Achtsamkeit ist wie „Landlust“, bloß ohne Strickanleitung für Pulswärmer und Rhabarber-Chutney mit Steinpilzen. Ich kapiere auch gar nicht so richtig, was „Achtsamkeit“ überhaupt heißt. „Im vollen, tiefen Bewusstsein für eine Tätigkeit“ könnte es meinen. Oder zu einer erhöhten Vorsicht mit Stabmixern mahnen. Oder es bedeutet gar nichts und ist bloß gefühlte, aber nichts konkret meinende Sprache. „Achtsamkeit“ lässt sich jedenfalls über jede Tätigkeit stülpen: Man kann achtsam kochen, spazieren gehen, Kaminbesteck reinigen und vermutlich auch pinkeln. Nur: Warum eigentlich? Wahrscheinlich weil es gerade in Mode ist. Achtsam ist das neue nachhaltig.
Ich begegnete dem Begriff erstmals im Januar bei einer Krankengymnastin, die mich dazu anleiten wollte, meine rechte Schulter hängen zu lassen, damit die chronische Entzündung, die ich darin liebevoll seit Jahren aufbewahre, endlich ausheilt. Wir übten das Hängenlassen gemeinsam, dann befahl sie mir, in die Achtsamkeit zu gehen. Ich gab alles und es fühlte sich nicht übel an, aber insgesamt muss ich sagen, dass ich lieber ins Kino gehe als in die Achtsamkeit. Das ist nämlich sehr anstrengend.
Zunächst dachte ich, die Therapeutin habe das Wort erfunden, aber dann begegnete es mir das ganze Jahr über andauernd. Ständig diese Achtsamkeit. Sie wird in Word übrigens nicht unterkringelt, denn Achtsamkeit ist kein neuer Begriff und besitzt auch einen Wikipedia-Eintrag. Wobei: Das will nichts heißen. „Umzugskarton“ hat auch einen Wikipedia-Eintrag, demzufolge es sich dabei um eine große Faltschachtel speziell für Umzüge handelt. Da muss man erst einmal drauf kommen. Auf jeden Fall ist der Begriff „Achtsamkeit“ alt und er wird in sehr ernst zu nehmenden Zusammenhängen verwendet, zum Beispiel im Buddhismus und in der Psychotherapie. Es ist auch gar nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Achtsamkeit hätte. Ich habe ja auch nichts gegen Schweinskopfsülze oder Die Amigos. Das ist alles eine Frage der Toleranz.
In letzter Zeit hat sich die Achtsamkeit jedoch aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und düst raketengleich durch das Gemüts-Universum schwer vermittelbarer Esoterik-Zausel und Esoterik-Zauselinnen. Und weil die auf ihre ganz eigene Art konsumgeil sind, bieten achtsam geführte Online-Händler allerhand Achtsamkeitskrempel an. Eine Firma mit dem schönen Namen „Olivenholz erleben“ verkauft zum Beispiel für 24,90 Euro einen „Engel der Achtsamkeit“ an, der als „gemütlich-romantische“ Hervorbringung angepriesen wird, aber durchaus auch als pottenhässlich durchgehen könnte. Wer 20 Euro mehr anlegen möchte, kann ein „Achtsamkeitsset“ bestellen. Es besteht aus Buntstiften sowie zwei Ausmalbüchern. Und Zeitschriften zum Thema gibt es auch schon. Eine davon bewirbt sich mit den Begriffen „Lebendig. Achtsam. Sein.“ Mit Pünktchen dazwischen. Wie bei Drei Wetter Taft. Hamburg. München. Rom.
Und einfach ein Heißgetränk zu sich nehmen kann man auch nicht mehr. Neulich war ich bei Jürgen, meinem Schwager mit der Eso-Meise. Er fragte, was ich trinken wolle und ich bat um einen Tee. Daraufhin feierte er eine halbstündige Tee-Zeremonie nach angeblich japanischer Sitte, zu welcher er in einen Kimono schlüpfte. Dann schwang er einen oberpfälzischen Weihrauchpümpel mit Lotus-Essenzen hin und her. Und zwar in achtsamer Zeitlupe. Der Tee schmeckte dann wie nasses Katzenstreu. Ich hoffe sehr, das diese Mode bald abgelöst. Vielleicht von einer neuen Lässigkeit. Aber ich fürchte, da kann ich noch lange warten.